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Sara Shilo: Zwerge kommen hier keine : Familientherapie per Mikrofon

  • -Aktualisiert am

Die Familie Dadon ist nicht zionistisch, die große Politik ist ihr fremd. Sie sind aus Marokko nach Israel eingewandert, wo sie am Rande der Gesellschaft leben. Sara Shilos Familienroman erlaubt einen ungewöhnlichen Blick auf das andere Israel.

          Der moderne Roman ist eine literarische Form der Kritik. Er hält den Lesern die Ungereimtheiten ihrer Gesellschaft vor, und meist sind es Mitglieder der Eliten, die Mängel bloßlegen. Die Unterschichten kommen selten in den Blick. Das ist auch in Israel so. In seiner Familienbiographie „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ stellt Amos Oz unter anderem die Schwäche der Intellektuellen dar, die die zionistische Bewegung getragen haben; ähnliche Diagnosen stellen israelische Autoren wie Abraham Jehoschua und Jakov Shabtai, Jehoschua Kenaz und David Grossman: Ein gescheiterter Mittelstand verbucht den Untergang seiner nationalen und sozialen Utopien.

          Ein Roman vom Rande der Gesellschaft

          Sara Shilos Roman „Zwerge kommen hier keine“ wurde bei seinem Erscheinen in Israel 2005 auch deshalb zu einem sensationellen Erfolg, weil er die Misere des Landes nicht aus dieser üblichen Perspektive darstellt, sondern vom unteren Rand der Gesellschaft. In fünf Monologen kommen die Mitglieder einer Familie zu Wort – die Mutter Simona, ihre Söhne Dudi, Itzik und Kobi, schließlich die Tochter Etti. Ihr Nachname, Dadon, weist sie als Marokkaner aus, Einwanderer, wie sie an den Rändern Israels leben, jenseits der politischen und ökonomischen Zentren Jerusalem und Tel Aviv. Die Dadons wohnen an der Grenze zum Libanon, und wir lernen sie an einem Tag kennen, an dem ihre Stadt von Katjuschas beschossen wird; eine Weile fällt der Strom aus, kunstvoll setzt Shilo Licht und Dunkelheit ein, um den aus verschiedenen Perspektiven erzählten Roman für den Leser zu fokussieren. Er spielt vermutlich in den achtziger Jahren; genauer lässt es sich nicht sagen, weil die einzige historische Figur, die vorkommt, Rabbi Kahane ist, ein rechtsradikaler Faschist, der 1990 ermordet wurde. Die Familie Dadon ist nicht zionistisch, sie hält kein Bollwerk an der Grenze, die große Politik ist ihr fremd. Unter dem Katjuschahagel zahlt sie nur ihren Preis, und was Shilo erzählt, ist nicht die Geschichte des Staates Israel, sondern die Geschichte dieser Familie. Diese erlebt einen Wendepunkt, als der Vater in seinem Falafelstand an einem Herzschlag stirbt. Eben hatte Kobi, der älteste Sohn, seine Bar-Mizwa gefeiert, und neun Monate später bringt die Mutter Zwillinge zur Welt, mit denen sie am Todestag ihres Mannes bereits schwanger war. Weil sie den Kindern das Gefühl geben will, einen Vater zu haben, lässt sie Kobi in ihrem Bett neben sich schlafen. Die problematische Entscheidung trägt bereits den Keim der Selbstzerstörung in sich. Kobi ist kein Kind mehr, die drohende Inzestsituation wird von Shilo in zurückhaltender und eindringlicher Weise sichtbar gemacht. Im einleitenden Monolog will die Mutter ihrem Leben ein Ende setzen; sie geht nicht in den Luftschutzbunker und hofft, von den Katjuschas getötet zu werden – doch nach diesem hoffnungslosen Beginn werden die Kinder eingeführt, und der Roman nimmt eine überraschende Wende.

          Der Falke als Rachetier

          Der zwölfjährige Itzik ist verkrüppelt zur Welt gekommen, aggressiv steht er der Umwelt gegenüber. Er zieht einen jungen Falken auf und will ihn dressieren, den von Norden drohenden Terroristen die Augen auszustechen. Sein jüngerer Bruder Dudi geht ihm dabei willig zur Hand, befreit sich jedoch zusehends von der Vormundschaft des herrschsüchtigen Bruders. Sara Shilo deutet die Richtung ihres Familienromans nur an: Er stellt verschiedene Grade einer Emanzipation dar.

          Auch Kobis Bar-Mizwa, mit der die Tragödie begann, war eine Initiation. Der Neunzehnjährige geht nicht zum Militär, der Werdegang der Eliten ist ihm verwehrt, aber als fleißiger Arbeiter spart er heimlich Geld und wird bald die Anzahlung auf eine schöne Wohnung im Zentrum des Landes leisten, um seine Familie aus dem Unglück zu lotsen. Kobis Plan ist freilich nur die materielle Seite einer Selbstbefreiung, und das Wichtigste lässt Sara Shilo sowieso die Frauen sagen. Die Tochter Etti führt die Erzählung auf ihren Höhepunkt. Denn die Zwillinge kommen bald in die Schule, sie dürfen nicht mehr glauben, dass der Bruder ihr Vater ist. Wie aber bringt man es ihnen bei? Etti ist die Einzige, die nicht das verballhornte Straßenhebräisch ihrer randständigen Familie spricht, sondern Schriftsprache. Eines Tages will sie Radiosprecherin werden, am Mikrofon erzählen, was noch niemand gehört hat, und hier übt sie sich ein. Während die Katjuschas drohen, erzählt sie den kleinen Brüdern ihre Geschichte, die der Geschwisterliebe und der Tiefe des Romans ihren schönsten Ausdruck gibt. Es ist das große Verdienst der Übersetzerin Anne Birkenhauer, die sprachlichen Nuancen dieses wundervollen Buches herausgearbeitet und dem deutschen Leser damit ein anderes Israel nahegebracht zu haben.

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