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Hüller liest Mariana Leky : Einfach mal die Welt reinlassen

Mit einem Geist auf dem Tandem am Strand von Zandvoort: Alles denkbar, bei Mariana Leky Bild: Picture-Alliance

... und zwar eine Welt, in der nur Taten zählen, ohne Platz für Banalität: Sandra Hüller liest Mariana Lekys Romane „Die Herrenausstatterin“ und „Erste Hilfe“. Man will nicht aufhören, ihr dabei zuzuhören.

          Würden wir, wenn wir es uns aussuchen könnten, in Mariana Lekys Romanwelt leben wollen? Es ist eine wahrhaftige Welt, in der es keine fiesen, nur drängende Gedanken gibt, in der Menschen sich nicht gegenseitig beurteilen, aber ein halbes Leben lang aufeinander warten, in der nur Taten zählen, niemals Status und Besitz, und jede Geste bei genauer Betrachtung eine tiefere Bedeutung bekommt. Es ist eine Welt, die dennoch voller lähmender Zwänge ist, sehr analog und – aufgrund des Zugewinns an Zeit – außerordentlich detailreich. In dieser Welt gibt es Okapis, Flamingos und Karatefilmstars, aber auch Schmerz, viel davon, und Schwermut, mit der die Menschen genauso stoisch umgehen wie mit der Tatsache, dass das Schicksal ihr Leben durchkämmt, als käme es aus dem kleinen Dorf Macondo im kolumbianischen Urwald geradewegs in die deutsche Provinz.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wir würden. Vor allem deshalb, weil in dieser Welt für Banalität kein Platz ist. Mariana Lekys Fiktion zehrt von der Spannung zwischen Groteske und Wahrhaftigkeit, ganz gleich, ob sie von einer mutlosen Studentin, die aus ihrem WG-Zimmer in den Himmel starrt („Erste Hilfe“), einer verlassenen und lebensmüden Übersetzerin („Die Herrenausstatterin“) oder einem Dorf erzählt, das den jähen Tod eines Jungen nie ganz verkraftet („Was man von hier aus sehen kann“).

          Berüchtigt für ihre nachdenklichen Einzelgänger: Mariana Leky

          Auch die Figuren, um die ihre Geschichten kreisen, ähneln einander. Die Frauen sind eigensinnig, sie stehen am Rand und lieben erheblich. Es treten verständnislose Chefs auf, die mehr Leistung einfordern, wo Arbeit doch eigentlich nur ein Beiwerk ist neben guten Freundinnen voller Schwächen und Abhängigkeiten und unergründlichen Männern, die man liebt, aber irgendwann nicht mehr richtig sehen kann (in Lekys letztem Roman „verschwimmt“ Frederik, der buddhistische Mönch). Dass sie sich treu bleiben, dass ihr Charakter nie komplexer als die Vorstellungskraft ihrer Leser und deren Idee davon ist, wie und wann sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen werden, erzeugt Nähe.

          Und dann geschieht, was in „Die Herrenausstatterin“ geschieht, als die Erzählerin Katja den jungen Feuerwehrmann, der zu ihrem Geliebten geworden ist, nachdem er sie wochenlang in ihrer ungelüfteten Witwenwohnung besucht hat, zu einem nächtlichen Picknick in den Wald führt, als sie sich darauf verlässt, dass er bislang immer furchtlos war, und ihm eröffnet, dass sie schwanger ist: Er springt auf, schreit „Du kannst mir kein Kind anhängen“ und läuft davon. So machen es Fünfundzwanzigjährige ohne Lebensplanung und Geld, die von Selbstverherrlichung, Astronautennahrung und den Weisheiten aus Karate-Filmen leben. An Stellen wie diesen kalibriert Mariana Leky den Realismusanteil so, dass der Märchenanteil nicht in den Kitsch kippt, und ihre Mischung geht auf.

          Mariana Leky: „Die Herrenausstatterin“. Gelesen von Sandra Hüller. Verlag Tacheles, 1 MP3-CD, 335 Minuten

          Die verzagte Übersetzerin Katja, die von einem Leben in einem frei stehenden Haus träumt, hat ihren Mann verloren, weil dieser sie für eine andere verließ und kurz darauf bei einem Unfall starb. Nun glaubt sie, nichts sei mehr übrig, und stellt sich selbst auf das Ende ein, als der tote Altphilologe Dr. Friedrich Blank bei ihr auftaucht und wenig später ebenjener furchtlose Angsthase Armin. Nach einem Feueralarm nistet er sich in ihrer Wohnung ein, nimmt sie mit in den holländischen Küstenort Zaandvort, um dort nach seinem Lieblings-Karatefilmdarsteller zu suchen; Katja und Dr. Blank fahren währenddessen auf dem Tandem am Meer entlang.

          Viel mehr passiert nicht, und in „Erste Hilfe“, der Geschichte einer Wohngemeinschaft voller versehrter Seelen, ist es nicht anders. Wenn sich jemand dafür eignet, aus dieser unwirklich-allzu-menschlichen Welt zu lesen, ist es die Schauspielerin Sandra Hüller, die seit „Toni Erdmann“ den Titel der deutschen Meisterin der Groteske trägt. Sie hat, gemeinsam mit Karen Köhler, auch „Wir haben Raketen geangelt“ aufgenommen, Orson Welles’ Adaption von „Herz der Finsternis“ und den 2017 erschienenen Leky-Roman „Was man von hier aus sehen kann“, bei dem die Hörfassung gleich mitproduziert wurde, nachdem sich absehen ließ, wie erfolgreich die Geschichte über die von den Launen eines Okapis abhängige Dorfgemeinschaft im Westerwald werden würde. Sehr erfolgreich, stellte sich heraus.

          Liest und liest und man schläft nicht ein: Sandra Hüller

          Jetzt sind auch die Hörbücher zu „Die Herrenausstatterin“ und „Erste Hilfe“ erschienen. Hüller liest in ruhigem Ton, sie liest jede Silbe, ohne Aufruhr, als säße sie abends inmitten schläfriger Zuhörern auf einem Sofa; und das ist gut so, denn Lekys Sätze beanspruchen für sich genug Präsenz: „Zusätzlich hatten wir das ganze Schweigen der letzten Wochen mitgebracht. Es passte nur hinein, weil wir uns klein machten.“ Hüller hat es nicht leicht mit Lekys Texten, die voller Wiederholungen, Anaphern und Parataxen stecken, die sich beim Lesen aber umstandslos in die mit tänzelnden Schritten vorangetriebene Handlung fügen. Hört man diesen Ton fünfeinhalb Stunden lang, kann er tatsächlich schläfrig machen. Aber Hüller macht aus ihm etwas Leichtes, sie bringt ihn zum Schweben.

          Alles hängt bei Leky zusammen: der Spruch an der Decke über der Zahnarztliege („Bald ist es vorbei“, und so kommt es dann auch), die Erscheinung eines Mönchs auf einer Waldwiese zu einem Zeitpunkt, als ihre Protagonistin dazu angehalten ist, mehr „Welt hineinzulassen“. Leky erzählt ihren Lesern wahrhaftige Märchen. Auf dass die Realität mehr nach ihnen geriete.

          Die Herrenausstatterin. Gelesen von Sandra Hüller. Verlag Tacheles, Bochum 2019. 1 MP3-CD, 335 Min., 18 Euro

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