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Salman Rushdies „Shalimar der Narr“ : Wo sitzt im Kopf die Freude und wo das Mordgelüst?

  • -Aktualisiert am

Bild: Rowohlt

Mit „Shalimar der Narr“, das ist unverkennbar, will Salman Rushdie an die bahnbrechenden und zu Recht gefeierten Anfänge seines Erzählwerks anknüpfen. Doch zwischen Kaschmir nach Los Angeles wollen seine alterprobten Mittel nicht recht greifen.

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          Was mag ein Attentäter wohl empfinden, wenn er seinen Auftrag ausführt? Wie fühlt es sich für einen Mörder an, wenn er den Abzug drückt, die Bombe zündet oder mit dem Messer zusticht? Als der Auftrag beispielsweise lautete, einen "gottlosen" Schriftsteller, der "seine Seele an den Westen verkauft" hat, aus der Welt zu schaffen, mag für den entschlossenen Killer wohl eine besondere Befriedigung darin gelegen haben, wie "er den scharfen, glitzernden Klingenhorizont an die Hautfront führte, die Souveränität eines Mitmenschen verletzte, das Tabu überschritt, sich dem Blut stellte". Und wie triumphal mochte er sich nach vollbrachter Tat erst fühlen, als "er sich vom Leichnam löste, diesem nutzlosen, zuckenden Etwas, diesem besudelten Stück Fleisch"? Aber wollen wir das alles wissen, wollen wir den Thrill, der einen Überzeugungstäter antreibt, wirklich selber nachempfinden?

          Literatur nötigt schlechterdings dazu. Mit den Mitteln der Fiktion kann und will sie solche Perspektivenwechsel bieten, die uns selbst die schrecklichsten und widerwärtigsten Figuren nahebringen, indem sie deren Sicht der Dinge nachvollziehbar werden läßt. Empathie heißt diese Leistung und bezeichnet das Vermögen, sich in andere, noch so fremde oder unheimliche Menschen einzufühlen. Darin liegt die großartige Möglichkeit des psychologischen Romans, der so - etwa bei Dostojewski - zum Medium abgründiger Erkundung wird. Darin liegt jedoch zugleich die oftmals angeprangerte Gefahr, daß Romane ihre Leser in eine unliebsame oder gar verbrecherische Welt entführen. Die Grenze, die Empathie von Sympathie trennt, ist prekär und nicht immer leicht zu ziehen. Denn anders als beispielsweise die Kunst der Karikatur, die auf Distanzierung zielt, bewirkt das empathische Erzählen eine ungeheure Annäherung, die womöglich einen ungleich größeren Tabubruch darstellt.

          Im Jahr 1995, auf dem Höhepunkt der Fatwah gegen Salman Rushdie, schrieb die Führung Irans einen Kurzgeschichten-Wettbewerb zum Thema aus, wie sich der verfolgte Schriftsteller wohl in seinem streng bewachten Versteck fühlen und um sein Leben zittern müsse. Über den Ausgang der Kampagne ist nichts weiter bekanntgeworden. Man darf jedoch vermuten, daß die literarische Einfühlung in das Opfer eines Todeskommandos der öffentlichen Stimmungsmache für dieses Kommando nur sehr bedingt zuträglich sein kann. Vielleicht beruhte die Idee schlicht auf der Unerfahrenheit der Mullahs mit den Wirkungsmöglichkeiten der Fiktion. Zehn Jahre später jedenfalls hat jetzt der Autor, der solche Wirkungen gewiß wie kein zweiter kennt, seine Version der Gegenperspektive dargeboten. In "Shalimar der Narr" erkundet Rushdie nichts Geringeres, als was einen Menschen antreibt, der sein einziges Lebensziel im Töten eines anderen Menschen sieht.

          Dabei ist allerdings der Anschlag auf den Schriftsteller, dem Shalimar die Kehle aufschlitzt, kaum mehr als ein Gesellenstück, ein erster Probelauf zur lang geplanten wahren Tat. Der eigentliche Haß des Attentäters, anders als der seiner Auftraggeber, richtet sich hier keineswegs auf religiöse Abweichler oder säkulare Geschichtenerzähler. Vielmehr sollen wir an seiner Karriere, die einen Dorfvorstehersohn aus Kaschmir vom begnadeten Hochseilartisten und Mimen zum bezahlten Agenten und professionellen Mörder werden läßt, verfolgen, wie persönliche Belange mit politischen Vorgaben im global organisierten Mordgeschäft zusammenwirken. Der Name Shalimar bedeutet "Sitz der Freude" und ist, wie wir erfahren, einem Lustgarten entlehnt, in dem sich einst Mogulfürsten ergingen. Der Namensträger aber findet seine einzige Freude nur mehr in der Blutrache für die Untreue seiner lüsternen Frau.

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