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Salman Rushdies Roman „Wut“ : Das Geschöpf ist real, aber der Schöpfer ist eine Fälschung

  • -Aktualisiert am

Bild: Kindler Verlag

Der Titel des Romans ist gut gewählt, denn mit seinem Erscheinen im Jahr 2002 hat „Wut“ für helle Empörung im Literaturbetrieb gesorgt. Dabei kann man Salman Rushdies Buch getrost in aller Stille und gänzlich unberührt beiseite legen.

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          Die Begegnung ist noch immer unvergessen. Als Wladimir Iljitsch Uljanow, der große Revolutionär, begnadete Redner und mitreißende Massenführer Lenin, 1923 in der indischen Provinz eintrifft, um ihr den britischen Kolonialismus auszutreiben, sieht er sich plötzlich siebenfach gedoppelt. Am Hafen empfängt ihn eine Schar von lokalen Lenin-Look-alikes, klar zu erkennen an Stirnglatze, Schiebermütze und dem prägnanten Spitzbart, die zur Begrüßung auch sogleich die besten Reden des geschätzten Meisters stramm und gestenreich zu Gehör bringen, nicht auf russisch allerdings, sondern in den diversen Landessprachen. Denn um die bolschewistische Revolution im weitläufigen und vielsprachigen Indien schneller zu befördern, hat der örtliche Parteivorstand ein paar Schauspieler engagiert und sie im darstellenden Leninismus unterwiesen. Zwar fordert hier die große Sache schon mal kleine Abstriche - die Lokallenins sind dunkelhäutig, entweder zu dick oder zu mager, einer ist völlig kahlköpfig, ein anderer alt und zahnlos. Dies aber fällt um so weniger ins Gewicht, als selbstverständlich auch der Gast aus Moskau eine Doublette ist: Der wahre Lenin ist viel zu beschäftigt und kann schließlich nicht überall selbst hinreisen.

          Diese wunderbare Szene findet sich in „Des Mauren letzter Seufzer“, jenem gewaltigen Familienepos, so ausufernd wie anrührend, mit dem uns der große Geschichtserfinder Salman Rushdie 1995 hinriß. Seither hat er einen weiteren umfangreichen Roman herausgebracht, der zwar mit einem Erdbeben begann, ansonsten freilich nicht ganz so erschütternd war. Jetzt aber liegt ein Werk vor, das klar von irgendeinem Doppelgänger und nicht von Rushdie selber stammt. Es stellt viele von dessen Eigenheiten und Interessen überdeutlich aus - den Aberwitz der Handlungsführung, die Mythensucht der Popkultur, die wortverspielte Sprache - und heftet sie doch nur als Markenzeichen an einen schnell produzierten Konfektionsartikel für den Ersatzgebrauch. Denn in dem angestrengten Bemühen, der großen Kunst eines begnadeten Erzählers nachzueifern, ist der Roman „Wut“ ebenso übergewichtig wie dünn geraten und vor allem ziemlich zahnlos.

          Worum geht es? Malik Solanka, indischer Professor für Ideengeschichte im englischen Cambridge, hat einen Hang zu Puppen und erfindet eines Tages eine Knetfigur namens „Braingirl“, mit der er zunächst im Spätprogramm der BBC eine Sendung über Sinnfragen bestreitet, bald durch den Riesenerfolg dieser philosophischen Muppet-Show aber so ruhelos wird, daß er Ruhm und Familie hinter sich läßt und nach Manhattan flieht. Dort wirft er sich nicht nur lustvoll der amerikanischen Konsumwelt zu Füßen, die bei „Nike“ statt an Samothrake und den Louvre an einen Sportartikel denkt, sondern auch zwei schönen Frauen in die Arme, beide seinem Sex-Appeal erlegen, wobei die eine wie sein fleischgewordenes Braingirl aussieht, während die andere, ein indisches Supermodel, sich für die Revolution im Südpazifik einsetzt. Und weil auch das noch nicht genügt, geht in New York derweil ein Serienkiller à la American Psycho um, der Partygirls vergewaltigt und stilvoll skalpiert.

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