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Salman Rushdies Roman „Des Mauren letzter Seufzer“ : Mutter Indien braucht schärfere Sachen

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Bild: Rowohlt

In „Des Mauren letzter Seufzer“ erzählt uns Salman Rushdies Held die Geschichte seiner Familie und sein eigenes sechsunddreißigjähriges Leben so kunterbunt und wortreich, wie man es von einem Erzähler nun lieber doch nicht hätte.

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          Es ist alles da, was in einen Roman von Salman Rushdie gehört: die so furios wie manieristisch vorgetragene Geschichte voller Neben-, Vor- und Hintergedanken, die Hitze und "das große Gewimmel des Lebens selbst", eine Welt heftiger Leidenschaften und greller Farben, der Schönsten und der Häßlichsten, wie sie nur noch in Lateinamerika oder eben Indien vorkommen kann; dann die Metropole Bombay; dann ein verunstalteter Ich-Erzähler und Held (er hat statt der rechten Hand eine Art Klaue und altert doppelt so schnell wie normale Menschen), das dynastisch-unübersichtliche Familiendrama, die Alten, an deren Starrsinn jede noch so starre Konvention zuschanden wird, die drei Schwestern und ihre wechselnden Ehegeschicke, verflochtene Zeit- und Familiengeschichte, die blumigen Verwünschungen, die Prophezeiungen, die großen Sprüche, die Dekadenz, die mit dem Abfall vom Glauben der Väter einhergeht, schier unglaubliche Schurkereien und kuriose Namen, Figuren, die nur erfunden scheinen, auf daß ihr Erfinder sich flugs über sie lustig machen kann, die immense Belesenheit des Autors, seine wohldosierten Bildungshäppchen, Anspielungen, Motive aus der Literatur wie kleine, solide Leuchttürme auf dem weiten Erzählmeer, und natürlich das wiederkehrende Motiv "Indien und der Westen", ein Konflikt voll ödipalem Ablösungsschmerz, in dem das alte Indien sich gegen das junge (und schon wieder hinter dem Horizont verschwindende) England auflehnt.

          "Der Pfeffer war es, der Vasco da Gamas Dickschiffe veranlaßte, über die Meere zu segeln, von Lissabons Leuchtturm Torre de Belém bis zur Küste von Malabar, anfangs nach Calicut und später, wegen des Lagunenhafens, nach Cochin. Im Kielwasser jener portugiesischen Erstankömmlinge segelten Engländer und Franzosen, so daß wir zur Zeit der Entdeckung Indiens - aber wie konnten wir entdeckt werden, da wir doch zuvor niemals bedeckt gewesen waren? - ,weniger ein sub-continent als ein sub-condiment (Zutat, Würze) waren', wie meine vornehme Mutter es formulierte: ,Von Anfang an war es kristallklar, was die Welt von der verdammten Mutter Indien wollte', pflegte sie zu sagen. ,Scharfe Sachen wollten sie, genau wie ein Mann, der zu einer Hure geht.'"

          Insbesondere von der indischen Literatur will die (Erste) Welt ebendies und nichts anderes, und so wird auf der vierten Umschlagseite auch "pfeffrige Liebe" annonciert. Das bringt, wie wir seit García Márquez wissen, nicht nur eine im Einzelfall jeden europäischen Maßstab sprengende Sinnenlust, sondern vor allem die Liebe in ihrer uralten, eigentlichen und leider von unserer Moderne aus der hohen Kunst verbannten Form mit sich: "Die junge Erbin beugte sich zu ihm herab, nahm sein Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger, fixierte ihn mit ihrem grimmigsten Blick und verliebte sich bis über beide Ohren in ihn."

          So soll es auch sein. Bei all dem bedarf es eines naiven Glaubens an den eigenen Zauber, an das Funktionieren der eigenen Überredungskunst, und die, so will dem Rezensenten scheinen, ist dem großartigen Erzähler Salman Rushdie diesmal völlig abhanden gekommen.

          Rushdies Held und Ich-Erzähler, Moraes Zogoiby, genannt Moor, Frucht der erwähnten Über-beide-Ohren-Liebe, erzählt uns die Geschichte seiner Familie und sein eigenes kurz-langes sechsunddreißigjähriges Leben, an dessen Ende er angelangt ist, so kunterbunt und wortreich, wie man es von einem Erzähler nun lieber doch nicht hätte. Er hält mit nichts, aber auch gar nichts hinter dem Berg; und verliert dabei unterwegs dauernd den Faden. Ganze Kompanien seines in Schwärmen auftretenden Personals werden mit einer Nonchalance aufgetragen und abserviert, daß einem schwindlig werden könnte, wenn einem nicht schon so langweilig wäre.

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