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Salman Rushdies Roman „Des Mauren letzter Seufzer“ : Mutter Indien braucht schärfere Sachen

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Der Moor des englischen Titels, dessen letzter Seufzer hier verhandelt wird, kann natürlich auch ein "Maure" sein (seine semi-mythologischen Vorfahren haben 1492 Spanien verlassen), aber zunächst und hauptsächlich ist er ohne Zweifel ein "Mohr". Der General-Mohr der englischen Literatur huscht denn auch per Anspielung vorbei: ",Wer hat die Synagoge von Cranganore zerstört? Mohren, wer sonst? Hausgemachte, in Indien produzierte Othello-Rowdies!'" Den leicht dissonanten Klang, den der "Mohr" wie der "Moor" in politisch korrekten Ohren hat, dürfte Rushdie beabsichtigt haben; beim Versuch, die indo-germanische Version davon zu säubern, zersplittert der Name in mindestens drei Versionen: Moor, Maure und Mohr.

Das ist nicht schlimm, nur ein wenig lachhaft. Schlimmer ist da schon, daß der Erzähler Salman-Moor so genau und so ausführlich hinschreiben muß, was für einen Roman wir hier lesen, was er damit bezweckt und was wir davon halten sollen (und wann wir lachen und wann wir weinen sollen).

So lesen wir unter anderem einen Künstlerroman, jenen von Moors Mutter Aurora, der größten Malerin des modernen Indien, deren Bilder, ausführlich beschrieben, wiederum eine Art rückbezüglicher Roman-im-Roman sein sollen, und deren Hauptwerk, wie möchte es anders sein, so heißt wie das Buch, das wir gerade lesen, das wiederum Moor am Ende seines Lebens unter Todesdrohung aufgeschrieben hat und das er (hier schließt sich der Bogen vom Anfang her), zuletzt durch eines der allzuvielen Wunder noch davongekommen, mit "Zwei-Zoll-Nägeln" an die Zäune, Bäume, Pfosten Spaniens nagelt wie ebenso viele Wittenberger Thesenblätter (auch diese Assoziation wird ausführlich vermittelt) - eine imaginäre Schnitzeljagd, auf die der Leser da geschickt wird.

Welcher Kritiker hier nicht begreift, daß er angewiesen wird, den Roman als "postmodernen" zu lesen, dem ist nicht zu helfen. Der Autor hilft ihm trotzdem. Kaum einmal vergehen ein paar Seiten, ohne daß man wie ein unwilliger Schüler mit der Nase draufgestoßen würde. Wir befinden uns mit unserem Helden in der reinen Welt des Papiers und der Sprache. ",Was war das für ein Gebäude? Wer waren diese Leute? Waren sie wirklich Polizeibeamte, und wurde ich tatsächlich des Drogenhandels beschuldigt und nun auch noch des Mordes verdächtigt? Oder war ich zufällig von einer Seite, von einem Buch des Lebens in ein anderes geraten . . .'" - so sinniert Moor, als er überraschend verhaftet worden ist.

Ohne es zu wollen, exerziert Rushdie in großem Stil vor, daß eben nicht gleichgültig ist, wer man ist und worüber man schreibt. Es ist nicht gleichgültig, auf welcher Seite im Buch des Lebens man sich befindet, ob in Bombay oder irgendeiner anderen Stadt. Denn nach Bombay sehnt er sich, mit der innigen Hoffnungslosigkeit des Verbannten, und wenn er von seinem Bombay schreibt, hindert ihn die große Zahl seiner Meinungen, die er über alles und jedes hat, nicht daran, Seiten von melancholischer Schönheit zu schreiben. Rushdies besondere Kunstfertigkeit hat aus "Des Mauren letzter Seufzer" etwas gemacht, das dem vollkommensten denkbaren Roman so ähnlich ist, wie in der Geschichte selbst der leitmotivische Hund des Onkels, der, nach seinem seligen Ende nicht nur ausgestopft, sondern dazu auf Räder montiert, durch das Buch rollt, einem richtigen Hund gleicht.

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