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Salman Rushdies Roman „Des Mauren letzter Seufzer“ : Mutter Indien braucht schärfere Sachen

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Je weiter der Rezensent in seiner Lektüre voranschritt, desto weniger war er gewillt, den Erzähler "Moor" um der literaturkritischen Konvention willen noch von dessen Erfinder abzutrennen - wer anders spricht hier auf diesen Seiten, wenn nicht der uns seit seinen politischen Mißhelligkeiten wohlbekannte Weise aus dem Morgenland mit dem hängenden Augenlid und dem hintergründigen oder zumindest zweideutigen Lächeln, dem es vor einigen Jahren gelang, eine Weltreligion (oder immerhin einen bedeutenden Teil davon) gegen sich aufzubringen, und der nun anscheinend dasselbe Kunststück ein zweites Mal versucht, diesmal mit dem Hinduismus. Als Minimalvariante für weltweite Ehrenbeleidigung hat er einen Schlüsselroman über die Korruption in seinem geliebten Bombay ("meine verlorene Stadt!") eingebaut und so sichergestellt, daß es der herrschenden Clique dortselbst "wie Schuppen von den Augen fällt" und sie mit den iranischen Mullahs in Konkurrenz treten kann.

Den Rezensenten hat die Lieb- und Leblosigkeit verstört, mit der Meister Rushdie seine Pfefferspeise komponiert, und als er, um seine Zweifel loszuwerden, sich zwei der schönen früheren Romane vornahm, ward er seltsam berührt von einer Episode aus "Mitternachtskinder". Dort muß ein islamischer Poet sich vor seinen Verfolgern in Sicherheit bringen - und es wird ihm klar, "that you cannot write poetry underground". So als wollte Rushdie dies an sich selber exemplifizieren, hat er weniger einen Roman verfertigt als vielmehr eine Art Attrappe, eine fast perfekte Nachahmung des "real thing", dessen Teile mit dem Fortschreiten der Lektüre sich immer weniger zu einem Ganzen fügen, zu dem gelungenen Golem, der sich zu recken und zu strecken beginnt und zumindest für die Dauer der Lektüre Angst macht, rührt und zum Lachen bringt.

Merkwürdigerweise müssen in diesem Roman die Figuren immer wieder furchtbar lachen; bloß der Leser nicht. "Meine Schwester Mynah, die Stimmen-Imitatorin . . . löste im Familienkreis Lachkrämpfe aus, wenn sie meine gebremsten Manieren in schlafwandlerischem Zeitlupentempo nachahmte; doch dieser ,Slomo' - ihr Spitzname für mich - war lediglich eine meiner geheimen Identitäten, nur die sichtbarste meiner vielen Schichten der Tarnung."

Als Vermutung sei hierhergesetzt, daß dem Autor, wo er sich an den oberen Zehntausend und der Hochfinanz versucht, die Expertise abgeht, während er früher, bei der Schilderung der strebenden, zwischen Tradition und unausweichlicher Moderne zerrissenen Mittelschicht, ganz bei sich und seiner Erfahrung und damit überzeugend war. Wie der verruchte Abraham Zogoiby tatsächlich seine Geschäfte macht, wird in "Des Mauren letzter Seufzer" nicht plausibel. "Waffen spielten bei dem ganzen eine große Rolle, obwohl der Handel mit ihnen auf der offiziellen Liste der Aktivitäten dieses großen Konzerns nicht auftauchte." Doch nicht nur die Schilderung der verwickelten Firmengeschichte der Da-Gama-Zogoiby-C-50-Corporation klingt manchmal, als hätte sich ein sehr belesener Europäer aufgemacht, sich und uns eine Vorstellung vom bunten Indien zu geben.

Die Übersetzerin Gisela Stege hat das Ihre dazu beigetragen, daß kein noch so heftiger Stromstoß diesen Frankenstein-Lehmkloß lebendig zu machen vermag. Aus Rushdies ohne Zweifel schwierigem, mit Metaphern und Kalauern und Wortbildungsfeuerwerken aufgeladenem Hochgeschwindigkeits-Anglo-Indisch ist ein breitbeinig holperndes Indo-Germanisch geworden, so als habe die Sinn-Überfüllung des Originals zu einer Übersetzer-Enthemmung geführt. An vielen Stellen scheint das Englisch so durch den deutschen Text, als sehe man die Mundbewegungen des Schauspielers, während man unfreiwillig die Untertitel mitliest. ",Hazaré ist also eine entfesselte Kanone', sagte mein Vater." Dieser Hazaré dürfte eine loose cannon, also unberechenbar, sein. Eine Schauspielerkarriere "entpuppte sich als totgeborenes Kind", und sein (jüdischer) Vater bietet Moor eine "Einwegfahrkarte" nach Jerusalem an. Die anglo-indischen Marotten, die Rushdie seinen Figuren mit liebevoller Insistenz in den Mund legt, als da sind Suffixe (Mummyji), Wortverhunzungen ("nach Curry richofiziert", "kümmerifiziere du dich ums Geschäft!"), Echowörter (Schwengel-Stengel), allgemeine Wortballungen lassen die deutsche Version so verlangsamt wirken wie die Dostojewskis unserer Lese-Jugend mit ihren vielen Pud, Werst und Onkelchens.

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