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Zweiter Roman von Sally Rooney : Weich und weiß wie Mehlteig

  • -Aktualisiert am

In jeder Hinsicht unaufregend: Paul Mescal und Daisy Edgar-Jones in der Serienadaption der BBC. Bild: Picture-Alliance

Empfehlenswert für alle, die nicht lesen und noch nichts erlebt haben: Sally Rooneys Roman „Normale Menschen“ enttäuscht. Selbst schwache Highschool-Filme verhandeln interessanter, was es heißt, Außenseiter zu sein.

          3 Min.

          Wenn Sally Rooney „das literarische Phänomen des Jahrzehnts“ ist, wie der „Guardian“ behauptet, oder auch die „Stimme der Millennials“, wie mittlerweile ermüdend oft zu hören war, dann muss es ein ziemlich armes Jahrzehnt sein, und die Millennials können einem leidtun. Ein geheimnisloses, alles sofort auf den Begriff bringendes Erzählen ist das der 1991 in Castlebar geborenen Irin – und eines, das nicht nur hinter die psychologische Darstellung der literarischen Moderne, sondern selbst hinter die des neunzehnten Jahrhunderts wieder zurückfällt.

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          Dazu passt, dass die Fabel ihres zweiten Romans, „Normale Menschen“, der nun auf den Bestseller „Gespräche mit Freunden“ (2019) folgt, trotz mancher aktueller Themen wie Mobbing, familiärer Gewalt und Depression im Grunde eine sehr alte Geschichte ist. Ein Mädchen trifft einen Jüngling, und obwohl er ein allseits beliebter Sportsmann ist und sie die „seltsame Außenseiterin“, obwohl er der gutherzige Sohn einer Putzfrau und sie eine komplexbeladene Tochter der Oberschicht, finden die beiden zusammen, erst körperlich, dann seelisch.

          Trotz aller Unterschiede, trotz Phasen der wütenden oder auf Missverständnissen beruhenden Trennung, tun Connell und Marianne, zwei Landeier unterschiedlicher Klassen aus Westirland, einander am Ende märchenhaft gut. Er gibt ihr Selbstwertgefühl, sie animiert ihn zum Literatur- und Filmstudium. Auf den Begriff gebracht: „Er machte ihr das Geschenk, ein guter Mensch zu sein, und das gehörte jetzt ihr.“ Wenn einem so viel Gutes widerfährt, was kann da noch schiefgehen, das die Lektüre zumindest etwas spannend macht?

          Unbeholfene Darstellung von Masochismus

          Man könnte mit sehr viel Wohlwollen Reflexe von Charles Dickens’ Entwicklungsroman „Große Erwartungen“ oder J.D. Salingers Campus-Erzählung „Franny und Zooey“ darin erkennen, wie hier Ungleiche sich verlieben und wie das leicht zum Nervenzusammenbruch führen kann, aber die Dialoge bei Dickens sind weitaus schärfer, und das akademische Leben bei Salinger ist interessanter geschildert. Selbst schwächere Highschool-Filme der achtziger Jahre haben die Frage, was es heißt, Außenseiter zu sein, mit mehr Tiefgang verhandelt, als Rooney es tut.

          Um diesen Mangel zu kompensieren, streut sie ein bisschen „Fifty Shades of Grey“ ein, also die unbeholfene Darstellung von sexueller Unterwerfung und Masochismus, die allerdings nicht ohne moralisierende Begleitstimme auskommt: „Ist die Welt so ein böser Ort, dass sich Liebe nicht von den niedersten und missbräuchlichsten Formen von Gewalt unterscheiden lässt?“ Während Connell und Marianne sexuelle Erfüllung finden, bleibt deren Beschreibung weitgehend unbefriedigend: „Ihr Mund schmeckt so dunkel wie Wein“, „Ihr Körper war ganz weich und weiß wie Mehlteig“, heißt es etwa oder: „Oft wünschte er sich, er könnte in ihrem Körper einschlafen.“

          Für die irische Literatur enttäuschend

          Zum Einschlafen ist die Metaphorik Sally Rooneys. Während der Erzählton zumeist um eine unmenschliche Kühle bemüht ist oder gar ansatzweise wissenschaftlich klingt, wenn auch missglückt („Wenn sie bei Connell anders war, fand dieses Anderssein nicht in ihr, in ihrem Personsein statt, sondern in der Dynamik zwischen ihnen“), fallen die lebensweisheitlichen kitschigen Einschübe umso stärker auf: „Ich glaube, jeder ist auf seine Art ein Geheimnis“, sagt Marianne einmal.

          Ansatzweise interessant wird die Geschichte im letzten Drittel, das die schon etwas gereiften Protagonisten nach Dublin ans Trinity College begleitet. Connell hat dort ein Stipendium für literarisches Schreiben, sieht aber in der Literatur seiner Kommilitonen „kein Potential als Widerstandsform“. Er, der sich als Arbeiterkind den Zugang zu Bildung erst erkämpfen musste und durch die Inspiration Mariannes einen Top-Schulabschluss erreicht hat, entlarvt nun die Mitstudenten als unpolitische Idioten, die bloß kultiviert erscheinen wollten. Es folgt eine kritische Reflexion der Buchbranche, die ihre Produkte „letztlich als Statussymbole vermarktet“ – was mit Blick auf das vorliegende Buch allerdings unfreiwillig komisch wirkt. Der antikapitalistische Impuls, den manche Rezensenten ähnlich aufgeblasen haben wie die Bedeutung Sally Rooneys für die Gegenwartsliteratur, erschöpft sich im bloßen Anzitieren von Stichworten („Anti-Austeritätsproteste“) und der Behauptung, jemand habe das „Kommunistische Manifest“ gelesen.

          Der Roman „Normale Menschen“, der die Fragwürdigkeit von Normalität denkbar plakativ verhandelt, ist nicht zuletzt für die irische Literatur eine Enttäuschung. Aus der snobistischen Haltung von Dublinern gegenüber Provinzlern etwa hätte die Autorin mehr machen können, aber sie hat einfach keine originellen Gedanken. Für Menschen, die noch nie einen Roman gelesen haben, mag das Buch phänomenal sein.

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