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Tanja Paars „Die Unversehrten“ : Gibt es einen Schutzpatron der Rachsüchtigen?

  • -Aktualisiert am

Dramatikerin der Unentschiedenheit: Tanja Paar Bild: Pamela Rußmann

Sätze wie Henkersbeile: In Tanja Paars Romandebüt „Die Unversehrten“ nimmt die Patchwork-Katastrophe ihren Lauf.

          Wenn man bestimmte Sätze aus diesem Buch herausgreift, läutet schnell das Alarmglöckchen „Klischee“, oder es blinkt der Warnhinweis: „Würde man gern etwas genauer wissen“. Da liest man etwa: „Die Nacht war phantastisch gewesen.“ Ach ja, und wie? „Ihr Körper war ihm vertraut und doch erregend fremd.“

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Dieser Roman setzt nicht auf sprachliche Feinheiten oder auf Subtilitäten, seine Sätze fallen wie Steine, manchmal auch wie ein Henkersbeil: „Irgendwann wirst Du nicht mehr neben mir liegen wollen.“ Dass diese Geschichte nicht gut ausgeht, zeichnet sich schon sehr früh ab, und für den Leser in ihrem Malstrom stellt sich nur noch die Frage: Wie genau spielt sich die Katastrophe ab?

          Die stilistische Schlichtheit, die hammerschlagartigen Kurzkapitel erinnern etwas an die fatalistische Prosa Ferdinand von Schirachs, aber hier kommt zur lakonischen Härte noch eine Prise dunklen Witzes. „Immer wieder hatte er Vio erklärt, dass es wie Zähneputzen war, mit einer Frau zu schlafen. Eine angenehme Gewohnheit.“ Daraufhin entgegnet die besagte Vio, vom Zähneputzen mit anderen wolle sie nichts wissen.

          Mit solchen Arrangements können manche Menschen leben, aber als aus einer derartigen Zahnputzaktion des Mannes, er heißt Martin, eine Tochter hervorgeht, ist der Spaß vorbei. Martin ist der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, und aus seiner programmatischen Unentschiedenheit – Malaise einer Generation, vielleicht eines Zeitalters – entwickelt sich das ganze Drama.

          Obwohl Martin zum Zeitpunkt der Zeugung eigentlich mit besagter Vio zusammen ist und mit ihr große Pläne hat, bleibt er dann doch bei der Kindsmutter, Klara – die normative Kraft des Faktischen, nämlich dass er als Vater gebraucht wird, krempelt also sein Leben um. Aber ein paar Jahre später kommt der Backlash: Auf einer Tagung begegnet er der vorherigen Freundin wieder und beginnt eine Affäre.

          Szenisch wie ein Drehbuch

          Was als „Nachdenkphase“ Martins beginnt, hat bald schon neue faktische Kraft, denn er zieht bei Klara aus und zurück zu Vio, und den beiden Frauen bleibt nur die Feindschaft. Endlich ist auch bei Vio ein Kind unterwegs, aber ein Patchwork-Idyll wird aus dieser Geschichte nicht mehr: „Du baust mit einem Menschen ein Leben auf und auf einmal ist er ein anderer. Ist mit der Axt hinter dir her wie in Shining.“ So spricht die Verlassene, und bald geschieht auch wirklich etwas wie aus einem Horrorfilm, es ist aber einer von Nicolas Roeg.

          Der Erzählung, die oft szenisch wie ein Drehbuch gehalten ist, bleibt fast nur die Dokumentation: Tanja Paar, die 1970 in Graz geboren wurde, verweigert sich in ihrem Romandebüt konsequent jeglicher literarischen Überhöhung des Geschehens, die Kapitelüberschriften lauten schlicht „Der Kinderwunsch“ oder „Die Trauergruppe“. Nur einmal greift sie in die Tiefe der Tragödie, und es wird deutlich, dass der Name Vio eine Kurzform von Violenta ist. Dass sich in dieser ansonsten sehr prosaischen Geschichte die Protagonistin plötzlich mit dem Medea-Stoff bei Anouilh im Unterschied zu Grillparzer befasst, ist dann doch überraschend. „Gibt es einen Schutzpatron der Rachsüchtigen?“, fragt sie.

          Wenn die Leser dieses Buches das wären, was im Titel steht, nämlich Unversehrte, dann ließe seine böse Banalität sie womöglich kalt. Aber weil sie das wohl größtenteils nicht sind, müssen sie sich hüten vor den darin fallenden Stein- und Beilsätzen.

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