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Sabrina Janesch: Katzenberge : Im Reich der Oberhexe Baba Jaga

  • -Aktualisiert am

Sabrina Janesch: Katzenberge Bild: Aubau

Reise in die traurige Vergangenheit Osteuropas: In ihrem ersten Roman „Katzenberge“ erprobt Sabrina Janesch poetologisch anspruchsvoll neue Formen des Erinnerns.

          Kulturwandel lässt sich an den Veränderungen der Gedächtnistechniken erkennen. Heute haben wir uns den Kapazitäten digitaler Speicher überlassen und praktizieren darin einen Gedächtniskult besonderer Art. Die Abrufbarkeit jeglicher Speicherung zu jeder Sekunde an jedem beliebigen Ort lässt ein kollektives Bewusstsein von Jetztzeit entstehen, in der der alteuropäische Sinn für historische Dimensionen kaum noch eine Rolle spielt. Die Generation der heute Zwanzigjährigen ist in diesem Jetztzeitmodus aufgewachsen. Der Gedanke, dass Erinnerung Arbeit bedeuten könnte, verbunden mit Suchbewegungen in Raum und Zeit, scheint digital gestützten Gedächtnisformen fremd zu sein. In jedem Fall stellt dies eine Herausforderung für die Literatur dar, vor allem für Prozesse des Erinnerns, wie sie seit Menschengedenken im Erzählen umgesetzt werden.

          In ihrem Debütroman „Katzenberge“ zeigt Sabrina Janesch, Jahrgang 1985, was es bedeuten kann, diese Herausforderung anzunehmen. Die Ich-Erzählerin kommt aus Anlass des Todes ihres polnischen Großvaters immer weiter auf die Spuren ihrer Herkunft mütterlicherseits, die von Schlesien aus tief ins östliche Polen und über die Grenze zur Ukraine hinaus führen. Die spontane Suche geschieht dennoch nicht zufällig. Eine innere Nähe zwischen Nele Leibert und dem alten Janeczko hat schon immer bestanden. Mit der Beerdigung des wunderlichen Mannes erhält die junge Frau einen zunächst unbestimmten Impuls, dem Weg nach Osten zu folgen, der mit jedem Kapitel greifbarer wird. Enttäuscht von ihrem Leben in Berlin, spürt sie, dass sie jetzt die Geschichte des Großvaters und ihrer eigenen Herkunft ans Licht bringen muss.

          Die Tragödien der Vertreibungen

          Nicht erst der tatsächlich angetretene Weg nach Osten konfrontiert die Erzählerin mit einem zentralen Ereignis mittel- und osteuropäischer Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Tragödie der Vertreibungen ist in der Familie allgegenwärtig. So findet der von Ukrainern aus Galizien vertriebene Großvater in Schlesien, wohin man ihn deportiert hat, im Gehöft, das er übernehmen soll, einen Toten vor: Es ist der deutsche Besitzer, der selbst vertrieben wurde und sich erhängt hat. Eine Kette der Verwundungen verbindet die Schicksale und Biographien, die sich um das Leben des Großvaters scharen. Es stellt sich dabei für die Nachfahrin nicht mehr die Frage nach der Schuld der einen oder der anderen Seite. Was Nele Leibert an den Vorfahren fasziniert, ist die Frage, wie sie überleben konnten.

          Unter der geschichtlichen Oberfläche wird mit jedem Kapitel das Thema des Romans deutlicher: Es ist das Fremde. Der Großvater war gezwungen, ins unbekannte Schlesien aufzubrechen, und nahm seine Angst und sein Misstrauen mit. Die galizische Welt des Großvaters wiederum ist für Nele eine von Grund auf fremde. Sie ist geprägt von Aberglaube und Ängsten, in ihr gehen Feldgeister und Walddämonen um, werden Schleiereulen getötet, weil sie Unglück bringen, wenn sie zu viert auftauchen. In dieser Welt herrscht die Baba Jaga, eine Art Oberhexe, deren Autorität nicht nur die Kleinkinder fürchten.

          Ostpolen wird endzaubert

          Sabrina Janesch schildert diese enge, fern aller Aufklärung angesiedelte Sphäre, als hätte sie selbst darin gelebt. Ihre Erzählerin nimmt den Großvater und sein Leben gerade darin ernst, dass sie seine irrationalen Exzesse ernst zu nehmen weiß. Dabei kommen wir immer tiefer in die Fremde, in derselben Dynamik, mit der Nele nach Osten reist. Dabei werden ihre romantischen Vorstellungen gründlich entzaubert: „Malerisch hatte ich mir Ostpolen vorgestellt, unverfälscht, verzaubert. In Wirklichkeit war es nass, dreckig und fremd.“

          Man ahnt, dass Nele nur deshalb so weit reist, um dabei die Geschichte des Großvaters aus dem Schweigen zu befreien. Doch gibt es kein dokumentarisches Material, das die Erzählerin ans Licht bringen würde. Das Ergebnis der Suche ist vielmehr eine fiktive Erzählung, die eine Leerstelle in der Erinnerung füllt. Die versunkene Welt des alten Galizien wird durch einen der Gegenwart abgerungenen literarischen Modus ersetzt. Die Geschichte des Großvaters wird nicht rekonstruiert, sie wird erschaffen. Faszinierend ist, dass man diesen Prozess bei der Lektüre Stück für Stück mitverfolgen kann.

          Von ungewöhnlicher Sprachkraft

          Man kann nur staunen, mit welcher Leichtigkeit es Sabrina Janesch gelingt, ihr komplexes poetisches Konzept umzusetzen. Für einen Erstlingsroman hat sie ungewöhnlich viel gewagt. Wie auf einer Wippe kippt die Erzählung unaufhörlich zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her und schlägt den Leser in ihren Bann. Der Autorin gelingt es dabei, eine für die jüngere Literatur ungewöhnliche Sprachkraft zu entfalten. Angesichts dieser Genauigkeit im Detail fallen kleinere Schwächen kaum ins Gewicht. So macht Janesch vor bestimmten Stereotypen nicht halt, auch dann nicht, wenn sie die Typologie der polnischen Landbevölkerung betreffen.

          Neles Partner, ein Berliner Anwalt namens Carsten, muss als fahler Kontrast zur ganz und gar sinnlich erfahrenen Wirklichkeit in Polen herhalten. Sabrina Janeschs Haltung könnte als Gegenentwurf zu den ironischen Erzählverfahren verstanden werden, die die junge Literatur seit den achtziger Jahren in vielen Varianten hervorgebracht hat. Sabrina Janesch demonstriert vielmehr eindrucksvoll, wie das Erzählen sich wieder neu als eine produktive Form des Erinnerns behaupten kann. Es gelingt ihr dabei, eine Welt erstehen zu lassen, die uns das Fremde sinnlich begreifen lässt.

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