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Sabine Gruber: Stillbach oder Die Sehnsucht : Wer ging mit wem wohin?

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Bild: Verlag

Alles oder nichts: In nur einem Buch versucht Sabine Gruber die spannungsvolle Geschichte Südtirols, den deutsch-italienischen Faschismus und die Resistenza zu behandeln.

          Geschichtslosigkeit war vor mehreren Jahren eine der schwersten Keulen, die gegen Texte jüngerer deutschsprachiger Autoren erhoben wurde. „Stillbach oder Die Sehnsucht“ hingegen ist ein Buch, das die von Georg Lukács in seiner Romantheorie geforderte „Gesinnung zur Totalität“ übererfüllt, die Protagonisten aber weniger als existentiell Suchende denn als historisch Recherchierende gestaltet. Sabine Gruber, 1963 in Meran geboren, schreibt ein Geschichtswerk über die schwierigen Geschicke der Tiroler, die seit dem Verlust der Autonomie zum Ende Österreich-Ungarns und dem Zuschlag an Italien 1919, vor allem aber im Zweiten Weltkrieg nach Mussolinis Sturz 1943 zwischen den politischen Fronten aufgerieben wurden.

          Insbesondere zwei Komplexe versucht Gruber über die historische Spezialforschung hinaus einem größeren Lesepublikum zu vermitteln. Erstens erwähnt sie Zusammenhänge zwischen der noch immer traumatisch wirkenden Massenerschießung von 335 Italienern in den Ardeatinischen Höhlen am 24. März 1944 unter dem Kommando von Herbert Kappler und Erich Priebke und dem Anschlag der Resistenza auf das von Volksdeutschen angeführte Polizeiregiment „Bozen“ in der Via Rasella am Tag zuvor. Damit verbunden ist die Rolle eines Franziskanerklosters in Bozen als Fluchthilfestelle für Eichmann, Mengele, Priebke und andere nationalsozialistische Anführer.

          Ein Roman im Roman

          Zweitens geht es um das Fortleben der Resistenza unter italienischen Kommunisten, um die Entführung und Ermordung Aldo Moros 1978 und um die aktuellen Gegner antifaschistischer Historiker in Italien: „Sie waren Lieblinge des Premiers und vertraten ihre Ansichten in seinen hauseigenen Kanälen und Blättern.“ Alle diese Stoffe sind komplex und heikel, Gruber behandelt sie mit Akribie und Fingerspitzengefühl, sie werden sogar durch ein „Glossar“ erschlossen.

          Doch das Ganze soll ja auch ein Roman sein. Gut aristotelisch fügt Gruber also das reich und vielfältig ausgebreitete faktisch Besondere der Jahre 1944 und 1978 in einen Fiktionsrahmen des poetisch Allgemeinen. Das erfundene Tiroler Dorf Stillbach ist dabei Ausgangspunkt für zwei biographische Stränge: 1938 geht eine junge Tirolerin namens Emma nach Rom, um unter erniedrigenden Bedingungen als Zimmermädchen in einem Hotel zu dienen, in das sie nach dem Krieg einheiraten darf, als sie ein Kind vom Sohn des Hauses erwartet. Ihre Geschichte schreibt Ines aus Stillbach, die 1978 in ebendiesem Hotel einen Ferienjob übernimmt, der ein sehr ungutes Ende nimmt. Diese Handlung ist Teil eines umfangreichen Romanmanuskripts, in dem das politische Rom der Jahre 1944 und 1978 aus Emmas und Ines' Perspektive in 34 Kapiteln dargestellt wird. Dieser Roman im Roman, mit starken Passagen der Erinnerung und erlebten Rede, ist hier vollständig abgedruckt und umfasst insgesamt mehr als das halbe Buch. Gefunden hat ihn Clara, die dritte Stillbacherin, die nach dem plötzlichen Tod von Ines nach Rom reist, um den Nachlass der Freundin zu ordnen.

          Die Autorin schreibt sich selbst als Figur in die Erzählwelt

          Die Aufklärerin Clara, der Name sagt es, überprüft und rekonstruiert nun nicht nur das Leben der verstorbenen Freundin, sondern auch ihre Notizen und Recherchen für den Binnenroman. Sie kommt hinter Ines' Verhältnis mit Emmas Sohn Francesco und verliebt sich in Paul Vogel, einen Historiker des deutschen und italienischen Faschismus, für den Ines schon 1978 im Hotel Manente schwärmte. Neben seiner Aufgabe an einer Schule führt dieser „Berufserinnerer“ noch immer Touristen durch Rom, auch in die Via Rasella und zu den Ardeatinischen Höhlen. Natürlich ergeben sich Diskrepanzen zwischen Ines' literarischer Darstellung und Claras historischer Recherche. „Die Roman-Version stimmte nicht, dachte Clara, warum sollte sie auch der Wahrheit entsprechen.“ Das gilt vor allem für die schillernde Hauptfigur Emma Manente, die Stillbach für einen Italiener aufgegeben hatte, als Tirolerin in Rom aber nur Anerkennung bei deutschen Touristen findet. Die brennenden Fragen, ob Emma damals überhaupt mit einem Verlobten nach Rom ging, der bei dem Attentat in der Via Rasella ums Leben kam, und wie weit sie auf der Täterseite stand, vermag Clara nicht aufzuklären. Der Versuch scheitert, die demente Frau im Altersheim nach diesem vielleicht nur erfundenen Verlobten zu fragen.

          Doch Gruber reicht es nicht, solche schwierigen Wahrheitsfragen im fiktiven Rahmen um eine ebenfalls fiktive Binnengeschichte zu erörtern. Um die Sache noch etwas komplizierter zu machen, schreibt sich die Autorin - in Jean Paulscher Manier - selbst als Figur in die Erzählwelt ein: „Ist nicht die in Wien lebende Schriftstellerin Sabine Gruber in Lana aufgewachsen? Wenn sie sich nicht irrte, war Ines mit Gruber sogar flüchtig befreundet gewesen.“ Diese „Sabine Gruber“ will Clara sogar um Hilfe für die Publikation von Ines' Manuskript bitten. Soll das die beliebte Herausgeberfiktion - Clara fand Ines' Manuskript - weiter beglaubigen und das fiktive Personal näher an die Realität heranrücken? Angesichts der ernsten historischen Stoffe und Grubers fraglosen sprachlichen und poetischen Qualitäten bedarf es keiner solchen Kapriolen. Oder hat die Verfasserin am Ende gar Bedenken, selbst mehr als „Berufserinnerin“ denn als Erzählerin aufgetreten zu sein und so den Roman gegenüber dem Geschichtswerk vernachlässigt zu haben?

          Über das Lesevergnügen findet man unter Lukács' gemeißelten Imperativen übrigens nichts. Es ist auch keine offizielle Roman-Maxime, wohl aber eine legitime Erwartung. In Grubers Buch kann es nur erlangen, wer ein ausgeprägtes Geschichtsinteresse lieber aus historischen Romanen als aus Sachbüchern befriedigt und zugleich Freude an kühn verwickelten Konstruktionen mitbringt. Die im Titel angekündigte „Sehnsucht“ teilen die einsam gewordenen Stillbacherinnen Emma, Ines und Clara miteinander, den Leser halten sie aber auf Distanz.

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