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Ruth Klüger: Was Frauen schreiben : Der Blick durch geschliffenes Glas

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Was niemand sonst zu sagen wagt: Ruth Klüger widmet sich in ihren Essays der weiblichen Literatur - und erweist sich als Harry-Potter-Fan.

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          Die Essenz einer Kolumne ist der Autor, und das gilt selbst, wenn es sich um Rezensionen handelt. „Bücher von Frauen“ stellte Ruth Klüger in ihren Beiträgen zur „Literarischen Welt“ monatlich vor. Wer die in Buchform vorliegenden einundsechzig Texte studiert, wird nicht nur der Philologin begegnen, sondern in der Auswahl, in Randbemerkungen und einer entschiedenen Parteilichkeit für die Opfer physischer und psychischer Gewalt auch der jüdischen Überlebenden deutscher Konzentrationslager.

          Der weiblichen Literatur widmet sich Klüger, wie sie erklärt, weil Autorinnen noch immer unterschätzt werden, und auch, weil sie ihr, auf Kleist anspielend, „einen Blick aufs Leben durch anders geschliffene Gläser“ bieten. Der andere Blick ist weniger im Stil als in der Natur der Krisen zu finden, die Bücher wie Azar Nafisis „Lolita lesen in Teheran“ verhandeln.

          Hexenprozesse und Diktaturen

          „Die Romane“, bemerkt Klüger hinsichtlich westlicher Klassiker, die iranische Frauen nur in geheimen Lesezirkeln genießen, „erziehen zum Mitfühlen, zur Sympathie und sind daher unbrauchbar in einer Theokratie“. Neben der Einfühlung, die Klüger auch männlichen Autoren wie Scott Fitzgerald und Henry James zubilligt, stehen erzählerische Moral und vorbildliche Helden hoch im Kurs. Ihr einziger Einwand gegen den Kommissar der israelischen Krimiautorin Batya Gur: dass er durch Kettenrauchen „ein schlechtes Beispiel für junge Leser“ setzt.

          Bei den besprochenen Büchern liegt das Augenmerk auf realistischen Stoffen, die von Vertriebenen- und Emigrantenschicksalen, Ehedramen, Opfern von Hexenprozessen, Diktaturen und sexistischen Kulturen handeln. Ruth Klüger schätzt den nüchternen Ton, präzise Beschreibungen, die vielfältigen Einblicke, die Literatur in den Alltag von Randgruppen bietet; dazu zählen bei ihr auch Minderheiten wie die Rumänien- und Sowjetdeutschen.

          Ehen und Affären sind sekundär

          Wenig Toleranz hat sie mit bloß Angelesenem, das gilt für Nadine Gordimers saudi-arabische Milieuschilderungen ebenso wie für den Auschwitz-Roman von Soazig Aaron: „Was Klara von Auschwitz erzählt, ist bekannt, und die Metaphern sind zu Klischees verkommen“: Was niemand sonst auszusprechen wagt, darf Ruth Klüger sagen. Mit derselben Autorität kommentiert sie Herta Müllers „Atemschaukel“: „Doch egal, wie vertraut man ist mit Beschreibungen von Verschleppungen und Lagerleben oder sogar mit deren Realität (was bei der Verfasserin dieser Rezension zutrifft), so ist ,Atemschaukel' ein Buch, das noch einmal zum Nachdenken und Erstaunen zwingt über das von Menschen anderen Menschen zugefügte Elend.“

          Auf die Perspektive kommt es ihr auch bei „Der prüfende Blick“, dem Angelica-Kauffmann-Roman von Gabrielle Alioth, an. Dass er auf Kosten der Spannung Ehen und Affären sekundär behandelt, ist ihr gerade recht, denn so erhalten Kunst und Karriere der Malerin entsprechenden Raum.

          Leidenschaft für Zauberschüler

          Klügers sportlicher Feminismus ist immer präsent. Sie freut sich, dass Asli Erdogan ihrer Protagonistin einen Absturz gönnt, „wie ihn in der Belletristik sonst nur heruntergekommene Männer erleben“. Der hinreißenden Liebesgeschichte, die Hiromi Kawakami in „Der Himmel ist blau“ erzählt, stellt Ruth Klüger die Beobachtung voran: „Wie oft bekommen wir die Geschichten über Liebesbeziehungen zwischen alten Männern und jungen Frauen zu lesen. Und wie satt haben wir sie.“

          Der eigenwillige Geschmack der Autorin tritt nicht nur in ihrer Krimiliebe, sondern auch in ihrer Leidenschaft für Harry-Potter-“Schwarten“ hervor. In J. K. Rowlings „Todesfressern“ glaubt sie „eine gewisse Ähnlichkeit mit der SS“ zu erkennen, eine allegorische Dimension, die sich in einem späteren Potter-Band bestätigt, insofern es dort um die Meldepflicht von Zauberern geht, die aus Mischehen stammen.

          Nur einmal versagt die Einfühlung

          Am Tage liest sie die deutsche Vergangenheit in Gila Lustigers Familienroman „So sind wir“. Ruth Klüger schätzt das Buch, „weil hier eine gezielt schnoddrig ausgedrückte Ratlosigkeit zu Wort kommt, während den meisten Lesern eine oberflächliche Tiefsinnigkeit in Sachen Nazizeit lieber ist“.

          Ruth Klüger selbst schreibt lakonisch, engagiert sachlich, mit ihren eigenen Präferenzen im Reinen. Ihr Ton ist abwägend, würdigend, in der Kritik differenziert, nie abschätzig oder verwerfend. Nur bei den Memoiren der deutschen Kriegsgeneration versagt die Einfühlung, und auch sie greift auf Schnoddrigkeit zurück. Die „Männer und Frauen, die die Kurve zum Wohlstand der Gegenwart durch die Miseren von Kriegs- und Nachkriegszeit geschafft haben“, skizziert sie als „verständnisheischend, nachdenklich oder voller Selbstmitleid“.

          Die Demarkationslinie, die alle Urteile der Autorin untergründig bestimmt, ist in ihrem Fazit zum Angelica-Kauffmann-Roman mit Händen zu greifen: Er mag nicht so spannend sein, wie die Krimis, die Ruth Klüger verschlingt, aber „nichts Böses geschieht, und die Menschen sind höchstens abwegig oder lächerlich. Die Welt glänzt, es lässt sich leben.“

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