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: Ruine im Kopf

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Schon Rolf Dieter Brinkmann hatte sich Rom keineswegs als Bildungsbürger genähert. "Umbrien! Tumbrien! Kackien! Alles Ruinen! (Auch im Kopf!)!" fügte er seinerzeit einer Postkarte an. Sein wütendes Bild-Text-Konvolut "Rom, Blicke" erlangte Kultstatus, die Antike und überhaupt alles kommt darin eher als Heimsuchung vor, die Ekel erzeugt.

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          Schon Rolf Dieter Brinkmann hatte sich Rom keineswegs als Bildungsbürger genähert. "Umbrien! Tumbrien! Kackien! Alles Ruinen! (Auch im Kopf!)!" fügte er seinerzeit einer Postkarte an. Sein wütendes Bild-Text-Konvolut "Rom, Blicke" erlangte Kultstatus, die Antike und überhaupt alles kommt darin eher als Heimsuchung vor, die Ekel erzeugt. Ein Jahr Leben und Arbeiten in der Villa Massimo - das muss man ertragen können. Auch Feridun Zaimoglu hat sich während seines einjährigen Aufenthalts zur Wehr gesetzt und produziert. "Rom intensiv" titelt er mit leichter Hand seine gesammelten Tages-Skizzen, die auch ein bisschen aggressiv sein wollen. Im "Nahkampfparka" schleicht er über die Kieswege im Park, hat Angst vor im Maulwurfshügel versteckten Gärtnern, die ihn brüllend anfallen könnten, und beäugt ratlos wie einst Brinkmann ("vor diesem Brunnen stand ich & fand ihn lächerlich") die Fontana di Trevi. "Irgendeine antike Szene wird hier wiedergegeben, denke ich, schade nur, dass ich nicht den geringsten Schimmer von den Mythen des Altertums habe."

          Doch "ich, Studio 10" - in diesem legendären Studio wohnten auch Brinkmann und viele andere - hat auf jeden Fall eine große Portion Neugier mitgebracht. Tapfer konfrontiert sich der Stipendiat mit Spanischer Treppe, Quirinale und Vatikanischer Grotte, wo religiöse Hysterikerinnen zusammenbrechen. Die Sehenswürdigkeiten Roms bilden einen Parcours, an dem sich Zaimoglus Blicke brechen. Was er darüber hinaus sieht - drängelnde Touristen, fotografierende Japanerinnen, falsche Sarazenen -, liest sich häppchenweise gut und will ja auch nicht mehr sein als "Mein Jahr in der ewigen Stadt", so der (hoffentlich ironisch gemeinte) Untertitel. Ob aber die Sofortumwandlung von Tageseindrücken in literarische Prosa, die als wöchentliche Kolumne in den "Kieler Nachrichten" erschien und dort sicher richtig am Platz war, immer gleich buchverdächtig ist?

          Sieht man einmal davon ab, dass nicht ein sorgender Wille zur Gestaltung und Auswahl die Feder führte, sondern eher die Materialanhäufung den Ton angab, lässt sich "Rom intensiv" passagenweise sogar als alternativer Reiseführer verwenden und enthält auch darüber hinaus poetische Beobachtungen, die einer beispielhaften Offenheit geschuldet sind. In Italien werden Zaimoglus Urthemen - die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität und die Dauerverwunderung, als ein anderer wahrgenommen zu werden und auch selber von sich ständig überrascht zu werden - ungleich schärfer ausgetragen als in seinen früheren Texten. Schon auf der ersten Seite muss der Erzähler im Pocketwörterbuch "Verwechslung" nachschlagen. Nach ersten unsicheren Schritten in der Stadt ordnet er seine Welt im Groben, stellt sich möglichst gut mit Pförtner und Gärtner im Villapark und verlässt nur allzu gerne das Terrain der gebuchten Ästheten, das Brinkmann als "abgewrackten Tierpark" bezeichnete. Souverän begegnet er Anfeindungen deutscher Touristen, die das Schlangestehen unwirsch macht. Rechtzeitig weicht er aus, bevor es eskaliert, und muss sich dann von seiner Mutter aus der Türkei durchs Telefon ins Ohr kreischen lassen, er sei nicht lebenstauglich.

          Sich so ständig beiseiteschubsen zu lassen - das eröffnet neben bekanntem Romrepertoire auch unschuldige Bilder, die Zaimoglu mit Fabulierlust und der ihm eigenen sprachlichen Plastizität weiterspinnt. Vieles verliert sich aber im reflexiven Begleitgeräusch literarischer Aufenthaltsnotizen, die unentschieden lassen, ob sie mehr sein wollen.

          ANJA HIRSCH.

          Feridun Zaimoglu: "Rom intensiv". Mein Jahr in der ewigen Stadt. Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2007. 256 S., br., 7,95 [Euro].

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