https://www.faz.net/-gr3-7h2d4

Rüdiger Safranski: Goethe : Der urbanisierte Olympier

Bild: Hanser

Goethe oder die Kunst zu leben: Aus Rüdiger Safranskis Biographie kann man vieles über die lebens- und zeitgeschichtlichen Bedingungen des Werks lernen. Sie wird mit allen Stärken und Schwächen ein Hausbuch der Gebildeten werden.

          Auf welche Frage ist diese Goethe-Biographie die Antwort? Schon der Untertitel sagt es: „Kunstwerk des Lebens“. Dieses ungeheure Maß von Objektivierung, das Goethe gefunden hat, wird immer ein Anlass des Staunens bleiben. Man liest ungläubig, was in einen Tag hineinpasst: sich Pläne für den Straßenbau vorlegen lassen, Kupferstiche nach antiker Kunst prüfend würdigen, Theater- und Staatsgeschäfte erwägen, Zeitschriften lesen, Papiere ordnen, dann Empfänge, Gespräche. Ein Leben der Fülle, nicht nur im Dichterischen.

          Lorenz Jäger

          Freier Autor im Feuilleton.

          Man mag davon einen Begriff des Glücks ableiten: Es erweist sich in der Verwirklichung, im Werk und im Kind; und zwar unabhängig davon, wie man sich dabei jeweils subjektiv fühlt, wie viele Konflikte im Einzelnen dabei das Leben schwermachen. Dies ungefähr ist Safranskis Idee einer Lebenskunst, und davon gibt er uns eine angenehme exemplarische Erzählung. Er hat ein Buch geschrieben, das, in seinen Vorzügen wie in seinen Schwächen, wohl auf einige Zeit das Hausbuch der Goethe-Liebhaber bleiben wird.

          Zusammenfallen von Werk und Leben

          Allerdings ist diese enge Beziehung des Werks aufs Leben, des Lebens aufs Werk nicht unbedingt bezeichnend für Safranskis Buch allein, viel eher ist es die Haltung, ja fast der Gemeinplatz der Goethe-Literatur seit jeher; Richard Friedenthal hat in seinem lebhaften und immer noch lesenswerten „Goethe“ (1963) ganz ähnlich gedacht.

          Schon Georg Simmel wollte in seiner Monographie (1913) dagegen ein Drittes finden: „Der Lebensprozess des Genies vollzieht sich nach dessen innersten, ihm allein eigenen Notwendigkeiten - aber die Inhalte und Ergebnisse, die er erzeugt, sind von der sachlichen Bedeutung, als hätten die Normen der objektiven Ordnung sie hervorgebracht.“ Und eine sich hier anschließende zweite Hauptthese von Safranski - für die Lebenskunst sei es entscheidend, die Sphären der Dichtung und der pflichtmäßigen Verantwortung trennen zu können - war schon Goethes Selbstdeutung.

          Leitfrage Safranskis

          Näher betrachtet, scheint das Verhältnis des Individuellen zum Öffentlichen Safranskis Leitfrage zu sein. Er versagt es sich, Goethes Lebensgeschichte mit der Schilderung des Himmels zu beginnen, die doch in „Dichtung und Wahrheit“ den Anfang machte - „Die Konstellation war glücklich; die Sonne stand im Zeichen der Jungfrau, und kulminierte für den Tag; Jupiter und Venus blickten sie freundlich an, Merkur nicht widerwärtig; Saturn und Mars verhielten sich gleichgültig; nur der Mond, der soeben voll ward, übte die Kraft seines Gegenscheines um so mehr, als zugleich seine Planetenstunde eingetreten war. Er widersetzte sich daher meiner Geburt, die nicht eher erfolgen konnte, als bis diese Stunde vorübergegangen.“

          Diese soziologisch aufschlussreiche, wenn auch mythologisch gewandete Bilderrede - Goethe sieht sich von vornherein in einem differenzierten, vielgestaltigen Beziehungsgeflecht, in dem nicht nur die Ich-Sonne und nicht nur die einzelnen Elemente zählen, sondern auch ihr je spezifisches Verhältnis zueinander, nämlich „diese guten Aspekten, welche mir die Astrologen in der Folgezeit sehr hoch anzurechnen wussten“ - hat Safranski nicht übersetzen wollen. Man kann hier wohl eine bewusste Entscheidung gegen manche ältere Goethe-Literatur annehmen, die mit Begriffen wie „Schicksal“ oder „Dämon“, wie sie Goethe selbst in den „orphischen Urworten“ zur Deutung eines Lebensganges aufnahm, ziemlich üppig um sich warf.

          Überraschende Einsichten

          Feierlich-steile Terminologie ist Safranskis Sache nicht, es ginge auch kaum noch. Wie beginnt er also? Mit einem gesellschaftlichen, einem öffentlichen Aspekt. „Der Neugeborene wäre infolge einer Unaufmerksamkeit der Hebamme fast von der Nabelschnur stranguliert worden....Der Großvater, der Schultheiß Johann Wolfgang Textor, nahm diese lebensgefährliche Geburt zum Anlass, die Geburtshilfe in der Stadt besser zu organisieren.“ Das ist in jedem Sinne, im wörtlichen wie im übertragenen, die Entscheidung, mit einer urbanen und nicht kosmischen Ansicht den Anfang zu machen. Er sucht auch nicht wie Georg Simmel nach dem „Urphänomen“ Goethe.

          Weitere Themen

          „The Great Hack“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „The Great Hack“

          „The Great Hack“ läuft ab Mittwoch, den 24. Juli bei Netflix.

          Topmeldungen

          Spahns Notfallplan : Fast schon verdächtig viel Zustimmung

          Der Gesundheitsminister will Kassenärzte und Krankenhäuser zur Zusammenarbeit zwingen – und erhält dafür Lob von allen Seiten. Doch bei der Umsetzung sperren sich die Verantwortlichen noch.
          Hat sich zum Zwei-Prozent-Ziel der Nato-Staaten bekannt: Annegret Kramp-Karrenbauer

          Akks Wehretat : Der Streit schwelt weiter

          Die neue Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer bekräftigt das Ziel der Nato, dass die Verteidigungsausgaben steigen sollen. Das provoziert Widerstand – in der Opposition und selbst beim Koalitionspartner.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.