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: Rückkehr ins Unsagbare

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Das vorliegende Buch, eine zweisprachige Auswahl aus dem Werk des israelischen Dichters Dan Pagis, darf als eine bibliophile Kostbarkeit gelten. Der Band besticht nicht nur durch seine exquisite Gestaltung, sondern auch durch seinen Inhalt. Mit seltenem Engagement hat sich hier eine kongeniale Übersetzerin, ...

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          Das vorliegende Buch, eine zweisprachige Auswahl aus dem Werk des israelischen Dichters Dan Pagis, darf als eine bibliophile Kostbarkeit gelten. Der Band besticht nicht nur durch seine exquisite Gestaltung, sondern auch durch seinen Inhalt. Mit seltenem Engagement hat sich hier eine kongeniale Übersetzerin, Anne Birkenhauer, einer hebräischen Dichtung angenommen, die den deutschen Leser auf besondere Weise angeht.

          Dan Pagis (1930 bis 1986) kam in der Bukowina zur Welt. Mit vier Jahren verlor er beide Eltern. Sein Vater wanderte nach Palästina aus, die Mutter starb bald darauf an einer plötzlichen Krankheit, und einige Jahre später internierten die Deutschen das Kind in einem Arbeitslager. Dort überlebte er den Krieg, kam 1946 nach Palästina in einen Kibbuz, wurde 1972 an der Universität in Jerusalem Professor für hebräische Literatur und trat mit bedeutenden Arbeiten über die Dichtung des Mittelalters hervor.

          Im Jahr 1959 erschien der erste seiner fünf Gedichtbände. Zwar nahm die Kritik sie günstig auf, bekannt aber wurde das Werk von Pagis erst nach seinem Tod, als es in einer Gesamtausgabe auf den Markt kam, die inzwischen sieben Auflagen erreicht hat. Die verspätete Wirkung hängt mit jenem Schmerz zusammen, der sich als Grundton dieser Lyrik ausmachen läßt. Eines ihrer zentralen Themen ist die Schoa, ein in der Gründerzeit des jüdischen Staates nicht gerne wahrgenommenes Thema.

          Das Gedicht "Mit Bleistift geschrieben im verplombten Waggon" bringt in sechs Zeilen zur Sprache, was unsagbar ist: "hier in diesem Transport / bin ich Eva / mit Abel meinem Sohn / wenn ihr meinen großen Sohn seht / Kain Adams Sohn / sagt ihm daß ich". Weder das hebräische Original noch die deutsche Übersetzung weisen eine Interpunktion auf, und es ist merkwürdig - liest man die Verse in anderer Reihenfolge, beginnt man mit der vierten Zeile und gibt dem Gedicht seine Satzzeichen, so bildet es eine klare, kohärente Aussage: "Wenn ihr meinen großen Sohn seht, Kain, Adams Sohn, sagt ihm, daß ich hier in diesem Transport bin, ich, Eva, mit Abel, meinem Sohn."

          Es ist ein Zeichen der hohen Übersetzerkunst Anne Birkenhauers, daß sich dieses Experiment sowohl mit dem hebräischen Original als auch mit der deutschen Fassung machen läßt. In ihrer ursprünglichen Form haben diese Zeilen einen nachvollziehbaren Inhalt: Eva ist mit ihrem Sohn Abel auf dem Todestransport und schickt ihrem großen Sohn Kain einen Hilferuf. Falls er hört, wo seine Mutter und sein Bruder sich befinden, wird er alles tun, um sie zu retten. Das ist die Logik des Satzes. Sie beruht auf Erwartungen, die Begriffen wie "Mutter", "Sohn" und "Bruder" eingeschrieben sind, aber die Konstellation Eva - Abel - Kain unterläuft diese Erwartungen sofort. Das war die erste Familie in der mythologischen Menschheitsgeschichte, und mit ihr ist der Mord in die Welt gekommen, der jetzt, im verplombten Waggon, seinen Höhepunkt erreicht.

          So muß auch die Logik des Satzes zerbrechen. Als er die Außenwelt erreicht, ist die Stimme Evas längst verstummt, der Mord an ihr und ihrem Sohn bereits vollzogen. Man hört nicht mehr, wie Eva spricht, man liest nur noch, was sie, die Tote, im Waggon des Transportes als Nachricht hinterlassen hat. Der Waggon ist nicht mehr verplombt, denn man hat seine Insassen schon herausgeholt, und es wäre vorstellbar, daß der Satz, mit Bleistift geschrieben, auf seinen Türen stand: Jetzt sind die Flügel dieser Tür auseinandergerissen, und man liest seine beiden Teile in falscher Reihenfolge, beginnt ihn in der Mitte statt an seinem Anfang und läßt ihn im Nichts enden.

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