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: Rot, rot, rot sind alle meine Schuhe

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Wer diese Bilder sieht, kann auf den Text verzichten. Zumindest sieht er ihn mit völlig anderen Augen: In starken Farben, feinen Linien und einem dagegen druckgrafisch stark zurückgenommenen Text erzählt der in Paris lebende Maler und Illustrator Chen Jianghong die Geschichte von Herrn Lo. Der einsame ...

          Wer diese Bilder sieht, kann auf den Text verzichten. Zumindest sieht er ihn mit völlig anderen Augen: In starken Farben, feinen Linien und einem dagegen druckgrafisch stark zurückgenommenen Text erzählt der in Paris lebende Maler und Illustrator Chen Jianghong die Geschichte von Herrn Lo. Der einsame Fischer wird für seine Hilfsbereitschaft mit einem kleinen Mädchen namens Lian aus einer Lotusblume belohnt, die alles in Gold verwandeln kann. Als jedoch die habgierige Präfektentochter nach dem Zauberlotus greift, verliert dieser seine Wirkung, und Lian, gleichsam eine kleine Schwester der hinduistischen Gottheit Lakshmi, wird zur Freude von Herrn Lo zu einem ganz normalen Kind. Fröhlich sitzt sie fortan neben ihrem neuen Vater auf dem Boot und wirft die Angel aus.

          So weit die Handlung. Doch die Bilder fügen ihr so viel hinzu, dass man fast von einer eigenen Erzählung sprechen kann. Die Berge im Hintergrund verraten, dass sich die Geschichte nahe Guilin am Li Jiang in Südchina abspielt. Nur hier gibt es diese charakteristisch geformten Karstberge, die über dem Dunst aufragen. Diese Landschaft wurde über Jahrhunderte hinweg immer wieder von Malern dargestellt und ist auch für heutige China-Touristen ein beliebtes Ziel. Doch nicht nur das Motiv ist traditionell chinesisch, auch die Technik ist von alter Schule: Jianghong zeichnet mit Pinsel und Tusche auf Reispapier und lässt sich von der traditionellen Landschaftsmalerei inspirieren. So stellt auch er die entfernteren Objekte verschwommen dar, nass in nass gemalt, und beschränkt die trocken aufgebrachte feine Konturzeichnung auf den Vordergrund. So entsteht auch ohne Zentralperspektive Raumtiefe.

          Chen Jianghong sind in dieser anspruchsvollen Technik Landschaftsbilder geglückt, die von großer Transparenz und Poesie sind. Und immer wieder tauchen lang tradierte Motive auf: die Vögel auf dem Zweig, der knorrige Baum in der linken unteren Ecke, die Gewitterwolken über dem See und nicht zuletzt die Lotuspflanze, aus der Lian hervorkommt. Die dramaturgische Umsetzung der Handlung in Bilder ist grandios: Große Tableaus breiten sich über eine Doppelseite hinweg aus, auf anderen Seiten gehen mehrere Bilder ineinander über, nur von handgezeichneten Tuschlinien getrennt, ähnlich Malereien auf chinesischen Stellschirmen. Dann wieder überschlägt sich die Handlung, und ein Bild reiht sich ohne Übergang an das nächste. Wenn es ganz rasant zugeht, werden aufeinanderfolgende Bewegungen in einem einzigen Tableau dargestellt, so wenn Lian aus der Lotusblüte purzelt und durch die Luft wirbelt.

          Worauf Chen Jianghong in diesem Buch fast völlig verzichtet, ist der Storyboardstil des Manga, den er etwa im 2005 erschienenen "Tigerprinz" gern angewendet hat. Es gibt keine Großaufnahmen, keine Kamerafahrten, keine verzerrten Perspektiven. Neu ist auch die Verwendung von Farbe als dramaturgisches Element. Sie wird nicht nur als Kolorierung eines Landschaftsabschnittes oder eines architektonischen Elementes verwendet, sondern füllt mitunter den ganzen Hintergrund aus, als abstrakte Fläche, vor der die Figuren in Szene gesetzt werden. Die Farbtöne sind den traditionellen Pigmenten chinesischer Malerei nachempfunden: Es dominieren Indigo, Gelb, Zinnoberrot und Malachitgrün. Allerdings wurden sie selten so satt und leuchtend aufgetragen wie hier.

          Starke Farben tauchen aber nur dort auf, wo Aktion ist. Die Landschaftsbilder sind wie die historischen Vorbilder ganz zart laviert. Doch die Handlung hinterlässt am Ende auch dort deutliche Spuren: Lians zinnoberrotes Kleid und Schühchen sind die einzigen auffallenden Farbtupfer in der idyllischen Schlussszene. Denn Rot, das ist in China die Farbe der Freude.

          SILJA VON RAUCHHAUPT

          Chen Jianghong: "Lian". Aus dem Französischen übersetzt von Erika und Karl A. Klewer. Moritz Verlag, Frankfurt am Main 2007. 40 S., geb., 14,80 [Euro]. Ab 4 J.

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