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Ross Thomas: Dämmerung in Mac’s Place : Nicht ich bin zynisch, sondern die Wirklichkeit ist es

Bild: Alexander Verlag

So gut, dass man ihn immer wieder lesen kann: Der amerikanische Thriller-Autor Ross Thomas ist ein Meister der Darstellung von Mechanismen der Macht. Nun verabschiedet sich sein berühmtes Duo McCorkle und Padillo.

          Er sei süchtig nach Politik, hat Ross Thomas einmal gesagt und den Beginn dieser sonderbaren Abhängigkeit auf seine frühe Kindheit datiert, die amerikanischen Depressionsjahre in Oklahoma City. An der Hand seiner Eltern ging der kleine Ross auf Massenkundgebungen und hörte entflammten politischen Rednern zu, ohne ein Wort zu verstehen. Das war seine Initiation: jemanden dabei zu beobachten, wie er die Menge überzeugen und in Gefolgsleute verwandeln wollte. In gewissem Sinn tat er das dann auch selbst.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Zuerst als Journalist. Thomas baute nach dem Zweiten Weltkrieg, den er auf den Philippinen erlebt hatte, das AFN-Büro in Bonn auf und erzählte seinen Landsleuten abends in zwei Radiominuten, was ihm aus dem untergegangenen Deutschland erzählenswert erschien. Später arbeitete er als Berater, Redenschreiber und Wahlkampfmanager, nicht nur in Amerika, sondern auch in Nigeria, ein Verkaufsprofi in Sachen Politik und nicht immer wählerisch damit, in wessen Dienst er trat. Es heißt, er habe eine Rede in anderthalb Stunden herunterhauen können, der Zeit, die andere für den Rohentwurf brauchten. Jedenfalls war er so gut, dass er blendend damit verdiente.

          Mit vierzig Jahren innerhalb von sechs Wochen den ersten Roman

          Dann setzte er sich mit vierzig Jahren hin und schrieb in sechs Wochen seinen ersten Roman, und bis zu seinem Tod kurz vor Weihnachten 1995 kamen vierundzwanzig dazu. Im Lauf der Jahre wurden sie länger, böser, ausgefeilter, und auch wenn er immer ein glänzender Unterhalter war, ging es Thomas doch um eine realitätsnahe Darstellung von Mechanismen der Macht, der gestörten Balance zwischen öffentlichem Amt und privater Habgier. Zweimal wurde ihm dafür der Edgar-Allan-Poe-Preis verliehen.

          Der völlige Mangel an moralischer Erbauung ist neben seinem Witz, seinem Röntgenblick und der soziologischen Schärfe der Beobachtung das auffälligste Merkmal seines Schreibens. „Wenn meine Bücher zynisch sind“, hat er einmal gesagt, „liegt das nicht an mir, sondern an der Wirklichkeit.“ Die Beschreibungen von amerikanischen Stadtlandschaften, verkommenen Wohnvierteln, eigenbrötlerischen Herumhockern und den blinkenden Bürowelten der Executives sind so gut, dass man sie alle paar Jahre wiederlesen kann.

          Geistig verwandt mit Chandler, verehrt von Fauser

          Hierarchien jeder Art faszinierten den Autor. Und wenn seine Helden es mit den hochtrainierten Vorzimmerdamen der Business-Welt aufnehmen, grüßt Raymond Chandler, Ross Thomas’ gar nicht so fernes Vorbild. Manchmal weiten sich die Bücher zu Panoramen der Trostlosigkeit wie in „Der achte Zwerg“, einer Reise durch das Nachkriegsdeutschland, die sich atmosphärisch besser gehalten hat als manche angeblich „ernste“ Literatur. Oder der Autor erzählt in Romanen wie „Der Yellow-Dog-Kontrakt“ von den schmutzigen Intrigen zwischen Politik, Gewerkschaften und Unterwelt.

          Seit der Schriftsteller Jörg Fauser in dieser Zeitung vor bald zwanzig Jahren sein leidenschaftliches Plädoyer für Ross Thomas veröffentlichte, ist die Fangemeinde dieses politischsten und coolsten aller Thrillerautoren stetig gewachsen. Es ist eine Großtat, dass ihm der Alexander Verlag eine wunderschöne Werkausgabe (Fadenbindung und Klappenbroschur made in Budapest!) mit neuen und überarbeiteten Übersetzungen widmet.

          Realitätstreue Romane über Unterhändler

          Ein rundes Dutzend Romane liegt bereits vor, und es gibt keinen schwachen darunter. Bei Thomas spürt man: Er war dabei. Er tut nicht nur so, er hat den Arbeitsmief noch im Hemd und kennt die Tricks der Hinterzimmer wirklich. Wer sich in diesen Tagen über das Ausmaß der staatlichen amerikanischen Telefon- und Internetspionage wundert, hat Ross Thomas nicht gelesen. Die Frage war ja nie: „Wer hat uns das erlaubt?“ Sondern nur: „Wie kriegen wir das hin, ohne dass die Blödmänner es merken?“ Ross Thomas hat sich nie Illusionen gemacht, am wenigsten über sein eigenes Land.

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