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Usbekistans Romanklassiker : Eine Braut sucht dir deine Mutter, Junge!

Die Barak Khan Medrese von Taschkent Bild: F1online

Aber zwei Bräute sind eine zu viel: In Abdulla Qodiriys usbekischem Roman „Die Liebenden von Taschkent“ spielt sich der tödliche Konflikt in der Familie ab.

          4 Min.

          Eine Begegnung am Brunnen, ganz kurz, ein junger Mann und eine Frau, die fast noch ein Mädchen ist, ein Windstoß, der den Gesichtsschleier hebt und wieder fallen lässt, ein Lächeln für den wie vom Blitz getroffenen Jüngling – das ist alles, was es braucht, um eine Entwicklung in Gang zu setzen, die einen Roman von gut 350 Seiten mühelos trägt: „Die Liebenden von Taschkent“ oder, nach dem usbekischen Originaltitel, „Vergangene Tage“ (Ötkan Kunlar). Der Verfasser Abdulla Qodiriy, Sohn eines Kleinbauern in Taschkent, gilt als Vater des modernen usbekischen Romans und „Die Liebenden von Taschkent“ als Hauptwerk einer durch Stalins Terror jäh beendeten Autorenexistenz – Qodiriy, der sich in den zwanziger Jahren als Mitarbeiter von Periodika, zu denen ein Satireblatt zählte, exponiert hatte, wurde im Oktober 1938 als angeblicher Konterrevolutionär und Trotzkist erschossen.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Handlung setzt im Jahr 1847 ein, oder, wie es im Roman heißt: „Man schrieb den siebzehnten Tag des Monats Dalv im Jahre 1264 der Hijra“ – diese Chronologie kann man durchaus als ein Mittel des 1894 geborenen Autors ansehen, die kulturelle Distanz seiner eigenen Zeitgenossen zu jener Epoche zu markieren, in der sein Roman spielt und in der man die Jahre noch in muslimischer Zeitrechnung zählte. Damals gehörten Taschkent und Maghilan (oder Margilan) zum Khanat von Kokand im Fergana-Tal im äußersten Osten des heutigen Usbekistans. Dem Khanat stand nicht nur das westlich gelegene Emirat Buchara entgegen, es musste sich auch gegen die russischen Invasionsbestrebungen wehren, die auf den zentralasiatischen Raum zielten und schließlich am Ende des neunzehnten Jahrhunderts auch Kokand ins Zarenreich integrierten.

          Heldentod im Kampf gegen den Zaren

          Von diesem Verlust der politischen Selbständigkeit sind in „Die Liebenden von Taschkent“ allenfalls Vorzeichen sichtbar – einer der Protagonisten, so heißt es im Epilog des Romans, stirbt schließlich um 1860 „während eines Zusammenstoßes mit den zaristischen Truppen bei Alma-Ata den Heldentod“. Zuvor aber bestimmen innere Wirren das politische Geschehen der Romanhandlung: Taschkent erhebt sich gegen Kokand, das Khanat schlägt zurück und bringt die heutige Hauptstadt Usbekistans wieder unter Kontrolle, Aufstände und blutige Kämpfe zwischen den Ethnien werden ebenso beschrieben wie die verzweifelten Bemühungen Einzelner um Frieden und Einheit – auch hier scheinen Erfahrungen des Autors, der seinen Roman um 1920 schrieb, eine Rolle gespielt zu haben; jedenfalls hätte er in dieser Umbruchszeit Anlass genug gehabt, seine Mitbürger zum friedlichen Miteinander aufzurufen.

          Diese Werte vertritt auch der junge Otabek, Sohn des einflussreichen Yusufbek-Hoji aus Taschkent. Er kommt seiner Geschäfte wegen nach Maghilan und erhascht den schicksalhaften Blick auf Kumush, die einzige Tochter des reichen Händlers Mirzakarim-Qutidor. Es folgt ein langes stilles Sehnen auf beiden Seiten, beide verraten sich durch Reden im Schlaf, das von ihrer Umgebung aufgeschnappt wird, und schließlich übernimmt es Otabeks väterlicher Freund, ein vom Sklaven zum Faktotum avancierter Mann, ohne Wissen des jungen Mannes und seiner Eltern, bei Kumushs Eltern für Otabek um ihre Hand anzuhalten. Erfolgreich, wobei sein Versprechen den Ausschlag gibt, die künftigen Eheleute würden hier, in Maghilan, bei Kumushs Eltern bleiben – oder wenigstens die Ehefrau in spe. Auch von diesem Versprechen ihres Faktotums erfahren Otabek und seine Eltern erst nachträglich, wobei sie selbstverständlich daran gebunden sind.

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