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„Winter“ von Ali Smith : Stille Nacht, heiliger Krach

Weihnachtsstimmung in Zeiten von Brexit: Vertreter der englischen Christmas Tree Growers Association schmücken den Weihnachtsbaum vor Downing Street Number Ten. Bild: AP

Ali Smith hat mit ihrem Jahreszeiten-Zyklus ein außergewöhnliches Erzählwerk geschaffen. In „Winter“ setzt sie eine Familie zu Weihnachten unter Hochdruck.

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          Sogar unter den dieser Tage geltenden Shutdown-Regeln wäre die weihnachtliche Zusammenkunft im Hause Cleves erlaubt gewesen. Denn hier trifft sich eine Familie plus eins. Von Familienfrieden kann trotzdem keine Rede sein. Mit ihrer Schwester Iris hat Sophia die letzten Jahrzehnte im Streit gelegen, und auch die Beziehung zu ihrem Sohn Arthur ist angespannt. Zu allem Überdruss wurde der soeben von seiner Freundin Charlotte verlassen, weshalb Arthur an der Bushaltestelle kurzerhand eine Fremde aufsammelt, Lux, die ihn gegen Bezahlung zum Anwesen seiner Mutter begleitet und dort als Charlotte firmiert. Nicht nur mit diesem Doppelgängerspiel, das erst in der Mitte der Erzählung aufgelöst wird, erweist sich die schottische Autorin Ali Smith aufs Neue als schwarze Romantikerin. Auch die miesepetrige Sophia, eine ehemalige Geschäftsfrau, wird nicht nur von der anrückenden Familie heimgesucht, sondern auch von Gespenstern wie dem körperlosen Kinderkopf. Nicht ganz zufällig befinden wir uns in Cornwall, jenem englischen Landstrich, dessen Lokalheilige dafür berühmt ist, dass sie, als sie geköpft wurde, ihr Haupt vom Boden aufsammelte und einfach fortlief.

          Sandra Kegel

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Das Werk von Ali Smith ist seit jeher geprägt von der Verbundenheit zwischen den Lebenden und den Toten, und ihre von Spukgestalten bevölkerten Romane sind immer auch Gespenstergeschichten. „Winter“ heißt der in der neuerlichen Übersetzung von Silvia Morawetz erschienene zweite Teil ihrer Jahreszeiten-Tetralogie, der im Original schon 2017 herauskam und passend zur Jahreszeit nun auf Deutsch erscheint. Es ist erstaunlich, dass die 1962 in Inverness geborene Schriftstellerin, die heute in England lebt und vielfach für den Booker Prize nominiert war, hierzulande immer noch als Geheimtipp durchgeht. Vielleicht liegt es daran, dass ihre Literatur oft wie hingetupft wirkt, scheinbar mühelos, impressionistisch. Dabei sind diese Bücher fein austarierte literarische Gegenwartsbetrachtungs-Experimente, die sich den großen Themen ganz unprätentiös nähern.

          Zeitreise ist möglich

          Diskutiert werden sie über die Innen- und Außenperspektive der Figuren. Gekonnt nutzt Ali Smith dabei das Mittel der erlebten Rede, um den Eindruck von einer Gleichzeitigkeit der Ereignisse zu verstärken und ihre Fiktion mit Quasi- Authentizität zu beglaubigen. Der Blick zurück ist immer auch der Versuch, die vorübergehende Realität am Schlafittchen zu packen. Das zentrale Sujet des ambitionierten Roman-Quartetts ist den Titeln bereits eingeschrieben. Denn so, wie Frühling, Sommer, Herbst und Winter im steten Wechsel das Vergehen der Gegenwart kenntlich machen, so geht es auch in diesem nach den Jahreszeiten benannten Vierteiler um die Beschaffenheit von Zeit. Indem die Erzählung vorwärts und rückwärts geht, mal verlangsamt, dann wieder beschleunigt, bringt sie Vergangenheit und Gegenwart in ein faszinierendes Spannungsverhältnis zueinander. Der hundertjährige Daniel formuliert es im Vorgängerband „Herbst“ einmal so: „Zeitreise ist möglich. Wir tun es immerzu. Moment für Moment, Minute für Minute.“

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