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Roman „Wagfalls Erbe“ : Auf einer Wolke am Montmartre

  • -Aktualisiert am

Immer wieder fühlt sich der Leser wie im Film „Midnight in Paris“ mit Owen Wilson. Bild: Filmstill

In diesem Buch ist fast alles echt, bis auf die Hauptfigur: Bettina Wohlfarths historischer Kunstfälscher-Roman „Wagfalls Erbe“ führt ins Paris der dreißiger Jahre.

          Am Anfang ist es ein bisschen so wie in Woody Allens Film „Midnight in Paris“. Bettina Wohlfarth, Übersetzerin und Journalistin, versetzt den Leser in ihrem Debütroman in die pulsierende Stadt des Lichts der dreißiger Jahre. Zusammen mit Isidor Schweig, einem jungen Maler aus Stuttgart, streift man in der Sommerhitze des Jahres 1936 lebensfroh und unbekümmert durch die Straßen der französischen Hauptstadt. Man kann die flirrend-laue Luft, die Isidor bei seiner Ankunft umweht, fast spüren. „In dieser Luft lag meine Zukunft.“ Man begleitet ihn in seine neue Wohnung im fünften Stock eines billigen Hotels am Montmartre, vom Schlafzimmer schaut man mit ihm über „die silbergrauen Pariser Zinkdächer mit ihren unzähligen tönernen Mini-Schornsteinen“, vom Atelier und Wohnzimmer auf die Rückseite der Moulin-Rouge-Flügel.

          Isidor taucht ein in die mondäne Kunstszene, zieht von Galerie zu Galerie, betrachtet ehrfürchtig Werke von Braque, Dalí, Cézanne, Bonnard oder Matisse, studiert Pinselstrich und Farbauftrag der großen Meister. Er ist passionierter Maler, aber aus ihm wird kein Künstler, sondern ein Kopist, ein Fälscher, wenn auch ein begnadeter. Abgesehen von Isidor ist in Wohlfarths Buch fast alles echt. Die Orte, an denen er sich aufhält, sind echt, die Wege, die er nimmt, die Bilder, die er sieht, und vor allem die Menschen, denen er begegnet.

          Wie im Film „Midnight in Paris“, in dem Owen Wilson alias Gil Pender, in eine Zeitmaschine geraten, plötzlich verblüfft vor Gertrude Stein, Josephine Baker oder Salvador Dalí steht, hat der Paris- und kunstaffine Leser immer wieder irgendein beglückendes Aha-Erlebnis: Aha, jetzt sieht Isidor gerade Picasso über die Straße schlendern. Aha, jetzt lernt er im berühmten Café du Dôme in Montparnasse Rose Valland kennen, die unscheinbare Kunsthistorikerin, die später eine zentrale Rolle bei der Wiedergewinnung von NS-Raubkunst spielen wird. Aha, jetzt ist er unterwegs in der Rue La Boétie, besucht die legendäre Galerie von Paul Rosenberg, einem der bedeutendsten Kunsthändler des zwanzigsten Jahrhunderts.

          Auf den Spuren der eigenen Vergangenheit

          Für den zwielichtigen Händler Hans Wendland kopiert Isidor Degas, Renoir und Courbets Skandalbild „L’Origine du monde“, das damals nur Eingeweihte kennen und bei dessen Betrachtung man noch heute in einer Mischung aus Scham und Schock einen Schritt zurücktritt, weil der Blick direkt in den gespreizten Schoß einer nackten Frau gesogen wird. Als Modell dient Isidor die Blumenhändlerin Adèle, seine erste und einzig wahre Liebe. „Ich saß mit Adèle auf einer Wolke am Montmartre, im fünften Stock, mit unverstelltem Blick auf den Himmel. Die Weltgeschichte darunter brodelte zwar, aber die aufziehende Katastrophe konnte ich mir nicht vorstellen.“ Isidor ist ein gänzlich unpolitischer Mensch, Adèle das Gegenteil. Als sie von einem Tag auf den anderen verschwindet, geht er 1937 zurück nach Deutschland, hängt die Malerei an den Nagel und lebt eine leidenschaftslose bürgerliche Existenz.

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