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Roman „Wagfalls Erbe“ : Auf einer Wolke am Montmartre

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Dann ist da noch Karolin Wagfall. Sie lebt nicht in den Dreißigern, sondern im Hier und Jetzt. Nach dem Tod ihrer Eltern entdeckt sie auf dem Dachboden zwölf Hefte, die vom geheimen Doppelleben ihres 1914 geborenen und mittlerweile gestorbenen Vaters erzählen: Der bürgerlich-biedere Viktor Wagfall, viele Jahrzehnte ein leitender Angestellter bei der Bahn, war für kurze Zeit seines Lebens zugleich der Bohemien Isidor Schweig. Wohlfarth erzählt drei raffiniert miteinander verwobene Handlungsstränge: Viktor Wagfall im Jahr 1996, der, vom „eigenen Schweigen erdrückt“, über sein im Grunde unglückliches Leben sinniert und das Geheimnis der kurzen, aber erfüllten Pariser Jahre in zwölf Hefte bannt; der Inhalt der zwölf Hefte, Viktor-Isidors Zeit in Paris; Karolin in der Gegenwart, die sich auf die Spuren ihres janusköpfigen Vaters begibt.

Ein gefährliches Doppelleben

Der war nicht nur 1936, sondern auch von 1940 bis 1944 in Paris, während der deutschen Besatzung, als ein „schwerer, bleierner Schleier über der Stadt lag“. Viktor arbeitet als Oberinspektor der Reichsbahn, der, recht unbeteiligt, seinen Teil dazu beiträgt, dass alle Züge ordnungsgemäß bereitstehen – auch solche, die massenweise geraubte Kunst abtransportierten (aus der Galerie Rosenberg etwa), und solche, die seit 1942 über sechzigtausend Menschen nach Auschwitz fahren.

Bettina Wohlfarth: „Wagfalls Erbe“. Roman. Osburg Verlag, Hamburg 2019. 445 S., geb., 22 Euro.

Zugleich verwandelt Viktor sich erneut in Isidor, der Gemälde fälscht sowohl für korrupte Händler als auch für seine alte Freundin Rose Valland. Die arbeitet im Museum Jeu de Paume, wo die NS-Kunsträuber ihr zentrales Bilder-Depot eingerichtet haben. Rose unterstützt die Nazis bei der Registrierung der Werke, ist in Wirklichkeit aber Spionin. Unter Einsatz ihres Lebens legt sie heimlich Listen an, was aus welchem Besitz wohin geht, um die Bilder später zurückzuholen. Um das eine oder andere Meisterwerk nicht erst in ferner Zukunft, sondern direkt zu retten, beauftragt sie Isidor mit Fälschungen, damit sie die Originale verschwinden lassen und den Nazis Kopien unterjubeln kann.

„Wie lebte er die Schizophrenie seiner Position zwischen dem Mann, der bei der Reichsbahn den Nazi-Apparat bediente, und diesem anderen Mann in ihm, der jüdische Kunsthändler kannte und mit Rose Valland die Liebe zur Malerei teilte?“, fragt sich Karolin. Als ihr Vater viele Jahre später – er hat seine Isidor-Identität nach 1945 für immer abgestreift – ein Museum besucht, in dem auch ihm bekannte gestohlene Gemälde aus jüdischem Besitz hängen, rauben die Bilder ihm die Luft zum Atmen. Er fühlt seine Schuld, fühlt, „wie eine physische Reminiszenz, den rechtlosen, von Gier und Willkür regierten Raum, in dem ich, in dem wir damals wie selbstverständlich gelebt haben. Und damals bin ich nicht daran erstickt.“

Bettina Wohlfarth hat Viktor Wagfalls Bericht mit reichlich Hintergrundwissen über den Kunstraub der Nazis verzahnt, das wohl auch für ein profundes Sachbuch getaugt hätte. Wie gut aber, dass sie keines geschrieben hat. Denn dann wäre dem Leser dieser berührende, sprach-mächtige und atmosphärisch dichte Kunst-, Geschichts- und Paris-Roman entgangen, der bis zuletzt spannend bleibt, wenn endlich das Geheimnis um Adèle und ein mysteriöses Matisse-Bild gelüftet wird, das ebenso doppelbödig ist wie Viktors Existenz und dessentwegen er seine „Aufzeichnungen eines melancholischen Kunstfälschers“ überhaupt schreibt.

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