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Roman von Peter Stamm : Das ist die La-La-Lakonie

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Der Schweizer Schriftsteller Peter Stamm im Jahr 2016 Bild: dpa

In der literarischen Darstellung von verzwickten Liebesbeziehungen macht Peter Stamm niemand etwas vor. Sein neues Werk betreibt ein Doppelspiel, aber was bleibt hängen?

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          Peter Stamm gilt vielen Lesern und Teilen der Kritik seit Jahren als stille Größe im Betrieb. In Sachen Liebe, Ehe und Selbstbetrug im mitteleuropäischen Wohlstandsmilieu weiß er bestens Bescheid. Insofern er weiß, dass es in diesen Dingen nicht allzu viel zu wissen gibt. Was machen seine Romane dann? Sie zeigen mit provokanter Ruhe die Optionen auf, die ein Mensch so hat. Mit den Konsequenzen macht er einen auch vertraut. Aber die sind dann nicht mehr das Geschäft des Schriftstellers, sondern das des Lesers.

          Das ungelebte Leben ist das Grundthema aller Peter-Stamm-Romane. In seinem jüngsten Buch hat er das noch einmal festgeschrieben. Der alternde Romancier Christoph schreibt der jungen Lena eine Nachricht. Er notiert Uhrzeit und Ort – wir befinden uns in Stockholm – und dass er ihr eine Geschichte erzählen möchte. Lena kommt und erfährt nun von Christoph, dass dieser, genau wie Lenas Freund Chris, ein einziges Buch geschrieben habe – vor Jahren. In diesem Buch sei die gescheiterte Beziehung zu einer gewissen Magdalena dokumentiert. Nach dem Babuschkaprinzip entpuppt sich jetzt die Liebes- und Lebensgeschichte von Christoph (und Magdalena) als die noch bevorstehende Liebes- und Lebensgeschichte von Lena und Chris.

          Lässt sich das Schicksal manipulieren?

          Doch muss bei Lena und Chris alles so kommen, wie es bei Christoph und Magdalena hat kommen müssen? Lässt sich das Schicksal manipulieren? Kann der Zeitstrahl umgedreht werden? Wenn die Liebe von Lena und Chris einen anderen Ausgang hat als die von Magdalena und Christoph, kann dann auch das bereits gelebte Leben der beiden aufgehoben und korrigiert werden? Und was, wenn alles am Ende nur Literatur ist? Wenn das Leben, das das Buch seinem Autor unterstellt, in Wahrheit gerade wegen dieses Buchs gar nicht stattgefunden hat?

          Das Buch, von dem Christoph mit Lena und Chris spricht, scheint wie vom Erdboden verschluckt. Weder die Nationalbibliothek hat ein Exemplar vorrätig noch dessen Verfasser selbst, denn er vergisst das nach Stockholm geschleppte Manuskript in einer Kneipe. Erinnert er sich überhaupt an das, was in diesem Buch steht über ihn und Magdalena? Vielleicht ist es gar nicht so schwer, sich von diesem Skript zu befreien, wenn man sich falsch daran erinnert. Wäre da nur nicht Chris, der mit seinem eigenen Roman Christophs Leben radikal in Frage stellt.

          Was den Erzähler in Bezug auf Magdalena einst aus der Fassung bringen konnte, war die Erkenntnis, „dass unsere Liebe nicht die einzige Möglichkeit war, die in ihr steckte“. Zumal sowohl Magdalena als auch Lena Schauspielerinnen sind und eben – Achtung! – Rollen spielen. Aber die Frage ist natürlich berechtigt: Was, wenn man in Schlüsselmomenten seines Lebens anders entschieden hätte? Wäre man dann ein anderer geworden? Oder ist das eine müßige Frage, denn selbstverständlich ist man ja der geworden, der man ist, weil man eben so und gerade nicht anders entschieden hat? „Wenn er ist wie Sie“, sagt Lena einmal zu Christoph, „und ich wie Ihre Magdalena und wenn wir dasselbe Leben führen wie Sie beide vor fünfzehn oder zwanzig Jahren, dann müssten doch auch unsere Eltern dieselben sein und unsere Freunde, die Häuser, in denen wir leben, die Inszenierungen, in denen ich und Ihre Magdalena aufgetreten sind, die Texte, die Chris und Sie schreiben. Dann müsste die ganze Welt sich verdoppelt haben.“

          Solchen Gedankenspielen kann man sich mit Peter Stamms Helden genussvoll hingeben. Das Doppelgängermotiv, in der Romantik ein beliebter Topos, mit dem Autoren Selbstverlustängste thematisierten, wird in „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ konzise durchgeführt und auf sein Gruselpotential abgeklopft. Lakonie heißt es, sei die stille Kraft aller Romane Peter Stamms. Hier schlottert sie allerdings wie ein viel zu dünnes Leibchen auf einem Denkgerippe, das im 21. Jahrhundert seltsam morsch wirkt. Andererseits, und das muss man Peter Stamm zugutehalten, liest man dieses Buch nicht ungern. Man hat es allerdings schnell wieder vergessen. Es hinterlässt eine „sanfte Gleichgültigkeit“, und vielleicht ist das ja gewollt.

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