https://www.faz.net/-gr3-7tjik

Roman von Nino Haratischwili : Immer diese verfluchte Schokolade!

Nino Haratischwili: Dramatikerin, Regisseurin und Romanautorin Bild: Kaufhold, Marcus

Nino Haratischwili beschreibt in ihrem Roman „Das achte Leben (Für Brilka)“, wie wir von der Zeit betrogen werden. Ihr Familienepos mit meisterlichem Spannungsaufbau greift ins Weite, ohne sich darin zu verlieren.

          5 Min.

          „Zäh und dickflüssig, schwarz wie die Nacht vor einem schweren Gewitter“, so ist die heiße Schokolade, die der geniale georgische Konditor nach einem eigenen, um die Wende zum zwanzigsten Jahrhundert aus Mitteleuropa in die Heimat gebrachten Geheimrezept zusammenrührt. Und deren Geschmack, so schreibt die Ururenkelin des Konditors mehr als hundert Jahre später, war „unvergleichlich, der Genuss glich einer geistigen Ekstase, einer überirdischen Erfahrung“.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Das weiß die Erzählerin, weil auch sie das Rezept kennt. Doch sie teilt es nicht mit, sooft auch auf den knapp 1300 Seiten des Romans von der meist nächtlichen Zubereitung der Schokolade und ihrem Verzehr die Rede ist. Sie dürfe das Geheimnis nicht preisgeben, schreibt die 1973 geborene Niza und tischt dann eine ganze Reihe von Katastrophen auf, die jene über sich heraufbeschworen haben, die von der Schokolade kosteten.

          Wie sonst etwa wäre der plötzliche Sturz des allmächtigen sowjetischen Geheimdienstchefs (gemeint ist offensichtlich Lawrenti Berija, auch wenn sein Name nicht fällt) nach Stalins Tod im Sommer 1953 zu erklären, wenn nicht durch die heimliche Schokoladenmahlzeit, die ihm die schöne Christine bereitet, die Tochter des Konditors? Warum sonst führen die Lieben, die in jeder Generation neu die weiblichen Nachkommen des Konditors mit den männlichen der Künstlerin Sopio Eristawi verbinden, regelmäßig in eine Katastrophe, die meist den Tod der jungen Männer bedeutet?

          Vom Hätschelkind zum gefallenen Engel

          Tatsächlich ist der Glaube an den Fluch der Schokolade unter den Erben des Konditors und denen seines Schwiegersohns Simon Jaschi weit verbreitet. Wer auch nur einmal nascht, ist dem Untergang geweiht, so in etwa. Doch beim näheren Hinsehen erweist sich die Wirkung der Schokolade als immerhin zweischneidige Angelegenheit: Wer sie zu sich nimmt, wähnt sich in einer Welt, in der es friedlich und gerecht zugeht - allen realen Erfahrungen zum Trotz. Und die besitzen in diesem prallvollen Familienroman ein erdrückendes Gewicht.

          Denn es geht nicht zuletzt um Erlösung in diesem monumentalen Roman, dessen Handlung im ganzen zwanzigsten Jahrhundert situiert ist, in einer Epoche, die, so formuliert es die Erzählerin Niza, „alle betrogen und hintergangen“ hat. Auch dies bildet der Roman ab. Da wird gemordet und geschändet, intrigiert und erpresst, in einer besonders schwer erträglichen Szene wird einer jungen Schwangeren im Auftrag der Geheimpolizei der Fötus aus dem Leib operiert und dergleichen mehr.

          Im Kern geht es um sechs Generationen jener georgischen Familie, deren Mitglieder sich unter dem Zaren, im kurzzeitig unabhängigen Georgien, in der Sowjetunion und schließlich nach 1991 im wiederum freien, von Bürgerkriegen zerrissenen Land behaupten müssen. Den Konditor beerben seine Töchter, allen voran die 1900 geborene Anastasia, die ein knappes Jahrhundert lang die Geschicke der Familie mitbestimmen und beobachten wird, ferner Anastasias Sohn Kostja, der im Sowjetstaat Karriere macht und mit dem System untergeht, seine Schwester Kitty, die in den Westen flieht, dort zur weltweit gefeierten Sängerin wird und schwer an ihrer georgischen Heimat trägt, schließlich Kostjas Tochter Elene, die vom Hätschelkind des Vaters zum gefallenen Engel der Familie wird.

          Innergeorgische Turbulenzen

          Sie ist die Mutter der Erzählerin Niza und von deren Halbschwester Daria, deren zwölfjährige Tochter Brilka in der Rahmenhandlung des Romans den ungeheuren Erzählstrom erst motiviert: Das Mädchen, das sich seinen seltsamen Namen selbst verpasst hat und Nahrungsmittel nach Farben sortiert zu sich nimmt, macht sich im Jahr 2006 allein auf den Weg nach Wien, um die Geschicke ihrer totgeschwiegenen Großtante Kitty zu ergründen. Sie hat dafür noch einen weiteren Grund, der ebenfalls in der Familie wurzelt: Wie ihre Ahnin Anastasia, nach der sie ursprünglich benannt wurde, ist Brilka eine begeisterte Tänzerin, und ihr Interesse an Kitty hat mit ihrem Wunsch zu tun, die Lieder der Sängerin zur Grundlage eines eigenen Ballettstücks zu machen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ganz schön neblig: Der Covid-19-Impfstoff muss in Spezialkühlschränken aufbewahrt werden bei mehr als eisigen Temperaturen.

          Corona-Impfung : Was man über mögliche Nebenwirkungen weiß

          In Deutschland wird gegen Covid-19 geimpft. Die Impfstoffe sind neu und vielen nicht geheuer, sie fürchten gar Langzeitfolgen. Dabei ist über unerwünschte Begleiterscheinungen der Spritze schon viel bekannt.
          Christian Sewing, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank

          F.A.Z. Exklusiv : Die Deutsche Bank ruft nach mehr Staat

          Das Frankfurter Geldhaus sieht die gemeinsamen Corona-Hilfskredite von KfW und Geschäftsbanken als Erfolgsmodell. So sollte nun auch die Transformation der Wirtschaft in Bereichen wie Verkehr und Künstlicher Intelligenz finanziert werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.