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Roman von Hiromi Goto : Zwischen fremder und entfremdeter Kultur

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In weiten Teilen der Welt bekannt: Ramen ist ein traditionelles Gericht aus Japan. Bild: AP

Großmutter, Mutter und Tochter: Wie gehen die Frauen aus drei verschiedenen Generation mit ihrem Immigrantenschicksal um? Das erzählt die japanischstämmige Kanadierin Hiromi Goto in ihrem neuen Roman.

          2 Min.

          „Ich werde mit meinen Hacken das schwarze Eis des Highways aufkratzen und in dieses ganze Land meinen Namen einschreiben.“ Die Familie der 1966 geborenen Hiromi Goto übersiedelte 1969 von Japan nach Kanada. Der magische Realismus ihrer Prosa wie in „The Kappa Child“, „Hopeful Monsters“ und ihrer Poesie wie etwa „The Body Politic“ bietet Kreativstrategien des Überlebens zwischen Traum und Trauma, Rassismen und Klischees. Der Roman „Chor der Pilze“ von 1994 ist neben Joy Kogawas „Obasan“ zum Klassiker der japanisch-kanadischen Literatur geworden.

          Experimentell beschwört Goto im Wechsel der Erzählstimmen von Enkelin und Großmutter den Alltag im Dreigenerationenhaushalt einer Einwandererfamilie herauf. Die Pilzfarm, die diese Familie in der Provinz Alberta betreibt, spielt auch auf die Geschichte der oft landwirtschaftlich tätigen und nach dem Angriff auf Pearl Harbour Zwangsarbeit auf Farmen leistenden Japaner in Nordamerika an.

          Die drei Generationen illustrieren verschiedene Weisen, mit dem Immigrantenlos umzugehen. Als die Familie einwanderte, beschlossen Keiko und ihr Mann, die Vertreter der mittleren Generation, in kultureller Aphasie, fortan kein Japanisch mehr zu sprechen. Ihre Tochter Muriel wurde monokulturell erzogen, während die ihre Shakespeare-Kenntnisse verbergende Oma Naoe weiterhin nur auf Japanisch monologisiert. Trotz des „Canadian Multiculturalism Acts“ von 1988 erleben die Familienangehörigen einen nur oberflächlichen Schmelztiegel und bestenfalls gönnerische Toleranz. Das Lavieren zwischen fremder und entfremdeter Kultur wird zum Balanceakt.

          Heimatkunde als Gutenachtgeschichte

          Während Keiko für Naoe „Tochter von meinem Körper, aber nicht von meinem Mund“ ist und ein „Ketchup-Gehirn“ hat, werden für Muriel auch ohne Japanischkenntnisse die Gutenachtgeschichten der Oma („Ich legte meinen Kopf in ihren knochigen Schoß und schluckte Töne“) zur Heimatkunde: Prärieerzählungen werden mit Japans Schöpfungsmythen oder Märchen wie der feministischen Neufassung einer Däumlingsgeschichte überblendet.

          Hiromi Goto: „Chor der Pilze“
          Hiromi Goto: „Chor der Pilze“ : Bild: Cass Verlag

          Eines Tages packt die scheinbar senile Alte ihre sieben Sachen samt Kreditkarte der Tochter ein und begibt sich als Anhalterin auf einen kühnen Roadtrip, bei dem sie schlemmt, tanzt, einen jungen Trucker kennen- und lieben lernt. Nach Naoes Verschwinden wird Keiko depressiv und bettlägerig, ihr arbeitswütiger Mann für Muriel zugänglicher. Das Mädchen bedauert seine „unterernährte Kultur“, lernt japanisch zu sprechen und zu kochen und führt telepathische Dialoge mit der geliebten Oma.

          Die Mainstream-Vorstellung von Multikulti wird denn aufs Schönste in der „Gemüsepolitik“ der „ReisnudelnTofuburgerExotischeGemüse-Abteilung bei Safeway“ illustriert, in der eine Kundin Muriel über Unterschiede zwischen japanischen und „unseren“ Auberginen ausfragt.

          Im Beinahe-Happy-End finden Muriel und ihre Mutter erst in deren Rekonvaleszenz als „Larvenzeit“ zueinander, indem Muriel ihre Mutter ausgerechnet mit japanischem Essen aufpäppelt. Derweil bereist die Großmutter ikonische westöstliche Orte: Sie lässt sich auf dem Highway „von Chinatowns Aromen locken“, macht einen Zwischenstopp im mit japanischen Schriftzeichen übersäten Touristenort Banff, den sie als „übersetzte Version ihrer Heimat“ betrachtet, um zuletzt bei der Calgary Stampede einen Rodeoritt als Persiflage westlich-maskuliner Ideale unter dem Alias „The Purple Mask“ hinzulegen.

          Auswege aus dem Einwandererdilemma bieten das Spiel mit Erwartungshaltungen und Sabotageakte der Ironie: In einer „Alice im Wunderland“-Schulaufführung soll Muriel als Hauptdarstellerin eine blonde Perücke tragen, bietet aber lieber einen Rollentausch zur Grinsekatze an – die habe ja schräg stehende Augen. Und auch kultureller Eklektizismus hilft: Einerseits wirft die Großmutter „westliche Küsse“, andererseits liebt sie Chawan-mushi-Schweinerippchen. In Gotos listig verspiegelter Fremde kristallisiert sich ein „dritter Raum“ der Diaspora heraus.

          Hiromi Goto: „Chor der Pilze“. Roman. Aus dem Englischen von Karen Gerwig. Cass Verlag, Bad Berka 2020. 264 S., geb., 22,– €.

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