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Roman über Georg Heym : Die Fleischerfaust des Genies

  • -Aktualisiert am

Expressionismus der Gegenwart: Eine Inszenierung von Georg Heyms „Faust“-Fragment 2012 am Berliner Ensemble mit Kostümen von Julia Rogge Bild: Braun/drama-berlin.de

Mit „Der Gott der Stadt“ schreibt Christiane Neudecker eine Hommage an den jung verstorbenen Lyriker Georg Heym. Das Werk ist gleichzeitig Künstler-, Wende- und Berlin-Roman – und fragt, was echte Genies ausmacht.

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          Breitbeinig mit blutrotem Bauch wie Baal hockt der Gott der Stadt auf dem Häusermeer, „streckt ins Dunkel seine Fleischerfaust“ und entfesselt den Feuersturm. Georg Heym sah in seinem Gedicht „Der Gott der Stadt“ 1910 die Menschheitsdämmerung voraus; dass er 1912, im Alter von gerade mal 24 Jahren, beim Schlittschuhlaufen auf der Havel ertrank, machte ihn vollends zum Mythos. Das Eis war zu dünn. Heym, der Frühvollendete, wagte sich bis an die Abbruchkante vor, dort, wo es nicht mehr trug und expressionistisch zersplitterte.

          Korbinian Brandner, DDR-Theaterlegende und Professor an der berühmten Theaterakademie Erwin Piscator (Christiane Neudecker studierte selber in den Neunzigern an der Ernst-Busch-Schauspielschule Regie), sieht in Heym ein Genie, wie es sein soll: finster, kraftvoll, rätselhaft, kompromisslos. Seine Regieschüler aus dem Westen hält Brandner für deutlich weniger begabt: keine Ahnung, kein Mumm, keine Idee. „Künstler müssen sich aussetzen, mein Junge“, doziert der Meister. „Stelle dich deinen Dämonen.“

          Aber François, der sensible, dickliche, nette Franzose, fühlt sich einsam in Berlin und will lieber Baumkuchen im Café essen als aufs Eis oder gar aufs Ganze gehen. Die schöne Nele stammt aus reichem Haus, hat schon ein Kind und einen Freund aus DDR-Schauspieleradel. Katharina Nachtrab, ein Selbstporträt der Autorin als Regiestudentin, ist der Gegenentwurf zur Überfliegerin: provinziell, naiv, unsicher, aber immerhin auch neugierig und ehrgeizig. Schwarz fährt auf Drogen, Raves und Horrorfilme ab; Splattermovies und Pop sagen ihm mehr zu als der elitäre Kulturscheiß von Schiller bis Heiner Müller. Tadeusz verbindet ein dunkles Familiengeheimnis mit seinem Onkel Korbinian: Als IM Puntila trieb der Nationalpreisträger Tadeusz’ Vater in den Selbstmord.

          Aus dem Innern einer Schauspielschule

          Brandner, das Möchtegern-Genie aus der Heiner-Müller-Schule, stellt seinen Schülern eine Prüfungsaufgabe, an der sie eigentlich nur scheitern können: Sie sollen das nur bruchstückhaft überlieferte Faust-Fragment Heyms erstmals inszenieren, aus kryptischen Kritzeleien wie „Diebe leuchten im Dunkeln“ oder „die Schwarzen als Ringkämpfer“ eine Welturaufführung erschaffen, die Dramaturgen und Kritiker zufrieden stellt.

          Christiane Neudecker: „Der Gott der Stadt“. Roman. Luchterhand Verlag, geb., 672 Seiten, 24 Euro.

          Die Zurüstungen für die Premiere und die Gruppendynamik der Klasse füllen einen guten Teil der siebenhundert Seiten des Romans. Neudecker kann sehr lebendig und spannend (wenn auch nicht ganz so leicht und lustig wie Joachim Meyerhoff) aus dem Innern einer Schauspielschule erzählen: Konkurrenz und Solidarität, kleine Affären, Prüfungsstress, Selbstzweifel, existentielle Krisen.

          Manchmal wird es allerdings ein wenig zu episch und pathetisch. Neudecker lässt sich ausführlich über Technik und okkulte Aspekte der Teufelsmaskenbildnerei aus, und wenn Katharina auf fünfzig Seiten in den Archiven der Vor-Wikipedia-Zeit herauszufinden versucht, was Heym mit der rätselhaften Regieanweisung „Spiritistische Sitzung. Die Geister des ermordeten Winter in Konitz“ meinte, gerät es zu einer akademischen Schnitzeljagd à la Dan Brown: Die bestialische Ermordung des Studenten Winter rief im Jahr 1900 Amateurkriminologen und antisemitische Verschwörungstheoretiker aus dem ganzen Reich auf den Plan. Und manchmal wird es dann doch zu schicksalhaft: So hängt sich der überforderte Kuchenesser François just am 16. Januar 1996 auf der Bühne der Schauspielschule auf, genau 84 Jahre nach Heyms Tod, am Tag von Heiner Müllers Beisetzung.

          Wie wird man ein Genie?

          Dabei gehört die schicksalhafte Verquickung von Heym und seinen Epigonen zu den Stärken von Neudeckers drittem Roman. Anfangs belauern sich die fünf unter dem strengen Regiment Brandners misstrauisch und eifersüchtig. Aber dann lernen sie die Schwächen ihres Dämons kennen und gewinnen an Selbstbewusstsein, kreativer Autonomie, Gruppenidentität.

          Am Ende sind die „Discipuli Piscatorum“ zwar keine Genies, aber doch eine verschworene Gemeinschaft begabter Regisseure. Ihr Idol verkaufte seine Künstlerseele an die Stasi, aber alle haben auf ihre Weise einen Teufelspakt geschlossen, alle bewegen sich auf glattem, dünnem Eis. François in seiner Verzweiflung ließ sich auf Séancen mit einer Satanisten-Gruppe auf dem Friedhof ein; die gemeinsame Reise zu seiner Beerdigung in die Provence schmiedet die Piscator-Schüler noch einmal zusammen.

          „Der Gott der Stadt“ ist Heym-Hommage, Faust-Überschreibung, Künstler- und Bildungsroman und Autobiographie, aber vor allem ist es ein Berlin-Roman. Brandner setzt seine ungelehrigen Schüler mit großen Fragen unter Druck: Wie kann man heute noch ein Genie werden? Und: „Wie weit geht man für die Kunst?“ Das ist anachronistisch und fast so naiv wie Katharinas alte Laienspielgruppe „Die Musenjunkies“, aber immerhin sind Neudeckers Regieschüler konkret in Zeit und Raum verortet. Der Gott der Stadt lebt in den Köpfen von „Heyms Armee“ weiter, im Berlin der Nachwendezeit, als noch alles möglich schien.

          Es war eine winterlich kalte, harte Zeit, nicht jeder war ihr gewachsen. Aber alle Wege führten ins Offene: Die in der Luft hängenden Brücken, die verwaisten Schwimmbäder, die dunklen Hinterhöfe, der Wasserturm am Prenzlauer Berg, die Mauerreste waren, auch für Neudecker selbst, Spielplätze und Zukunftsversprechen und nicht bloß Ruinen der Vergangenheit. Sie beschwört den Dämon Berlin, das Genie Heym, die Bestie mit dem mephistophelischen Grinsen und der drohend gereckten Fleischerfaust vielleicht ein wenig zu brav. Aber der Roman ist trotz einiger Schwächen und Längen ihr bislang persönlichster und zweifellos bester.

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