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Roman von A.L. Kennedy : Ein Retter für den Retter

Im Natural History Museum in London erinnern nicht nur die Primaten an den Säulen an unsere Verwandtschaft mit dem Tierreich. Bild: Arcangelo Piai/Schapowalow

Zwei Menschen und das London der Gegenwart: In ihrem neuen Roman fragt die britische Autorin A.L. Kennedy nach dem Umgang mit Fake News, bösartigen Psychopathen und der angemessenen Haltung in einer Welt, die aus den Fugen ist.

          Das Angebot klingt seltsam, mancher wird es wohl verlockend finden: „Wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihnen irgendein Teil der Wirklichkeit einfach nicht gefallen mag, dann komme ich ins Spiel und formuliere die Wirklichkeit für Sie um“ – so resümiert Jon Corwynn Sigurdsson, der in hoher Position für die britische Regierung arbeitet, seine Tätigkeit. Er überarbeitet Dossiers und Pressemitteilungen, bis für den Leser der Skandal harmlos und das Bedrohliche als Chance erscheint. Weil er weiß, dass die Darstellung komplizierter Zusammenhänge von seinen Vorgesetzten gar nicht gewünscht wird, dass Differenziertes stört, vor allem, wo es um Entscheidungen und Meinungsbildung geht, und dass ebendiese Entscheidungen ganz unabhängig von den Fakten eines Dossiers getroffen werden, so dass sich diese der Entscheidung anzupassen haben und nicht umgekehrt – weil all das so ist, erweist sich Sigurdssons Talent zur Schönfärberei in diesem Betrieb als besonders hilfreich.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Nur dass Sigurdsson, inzwischen 59 Jahre alt, Vater einer erwachsenen Tochter und von seiner offen promiskuitiven Frau geschieden, immer schlechter damit zurechtkommt, dieses Talent im Ministerium einzusetzen. Als der zur Hälfte ihm gewidmete Roman „Süßer Ernst“ von A.L. Kennedy einsetzt, an einem Aprilmorgen in London, ist das nicht schwer zu bemerken: In der Wohnung seiner geschiedenen Frau, wo er die Blumen für sie gießt und zugleich einen Jungvogel aus einem Netz im Garten befreit, erwischt ihn die erste Übelkeit von mehreren, die er an diesem Tag erleiden wird und für die es keinen ersichtlichen Grund gibt außer dem Bewusstsein, dass etwas gründlich falsch läuft – mit ihm selbst, mit seinem Umfeld, mit London, mit der Welt.

          Zärtliche, tröstliche Briefe

          Exakt 24 Stunden, von 6.42 Uhr am 10.April 2015 bis zur selben Uhrzeit des Folgetags, nimmt der Roman abwechselnd die Perspektive Jons und die einer Frau ein, die wegen ihrer Alkoholsucht als Wirtschaftsprüferin nicht mehr arbeiten konnte und nun, seit einigen Jahren trocken, in einem Tierheim arbeitet. Während Jon mit einem umfassenden Verantwortungsgefühl geschlagen ist und pausenlos helfen will, registriert Meg umgekehrt die „Schäden und Lücken“ ihrer Umgebung, den eigenen Schmerz, ihr Unvermögen, auf andere zuzugehen und vor allem mit ihrer offenbar von Gewalterfahrungen begleiteten Zeit als Trinkerin innerlich abzuschließen.

          Die schottische Autorin A.L. Kennedy

          Natürlich ist die Tatsache, dass die Autorin diese beiden im Wechsel betrachtet, ein deutlicher Fingerzeig auf eine Verbindung der Biographien, und so wie Kennedy in der Gegenwart des Romans wie auch in Rückblicken viele Details anhäuft, um Jon und Meg plastischer zu machen, so wird die Natur dieser Verbindung auch erst allmählich klar: Sein Talent, die ungemütliche Realität wortreich gemütlicher zu machen, setzt der Ministeriumsangestellte nicht nur professionell ein, sondern auch im Verfassen von Briefen, die er an wildfremde Frauen richtet, die er durch Annoncen findet: Gegen ein Salär von 150 Pfund verspricht er, zwölfmal an die Betreffende zu schreiben (manchmal gibt es einen dreizehnten Brief gratis dazu), Antworten sind nicht nötig, genauere Angaben zur Person der Adressatin auch nicht, aber sie wären immerhin hilfreich, damit die zärtlichen, tröstlichen Briefe, die Jon verschickt, als schriebe er der Geliebten, die Wünsche und Bedürfnisse der Empfängerin umso besser treffen.

          Ausflüge zum Primatengehege

          Meg ist eine von ihnen. Doch während Jon, der seinen Briefpartnerinnen gegenüber sein Inkognito wahrt und als Adresse ein Postfach angibt, mit diesem Trösten auf Distanz völlig zufrieden ist, beginnt Meg, jene Postfilliale zu beobachten. Sie identifiziert den Briefschreiber nach einigen Fehlversuchen, spricht ihn an, man trifft sich, unternimmt Ausflüge etwa zu einem Primatengehege in der Nähe (was Anlass zur Frage ist, was wir seit der Trennung der Arten gelernt haben) und ist nun, für diesen 10.April, Megs Geburtstag, zum Essen verabredet.

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