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E-Mail-Roman von Zsusza Bánk : Und Du, meine Schönste?

  • -Aktualisiert am

Zsuzsa Bánk mutet ihren Figuren reichlich Lebensschiefheit zu. Bild: Wonge Bergmann

Zsuzsa Bánks E-Mail-Roman „Schlafen werden wir später“ erzählt von einer Frauenfreundschaft. Es wird heftig auf die Tränendrüse gedrückt.

          Eigentlich müsste jede einzelne Seite dieses Briefromans laminiert sein. Denn es wird reichlich geweint. Zum Beispiel am Eschenheimer Turm: „Ich habe geweint über mein Leben, geweint über Deine Narbe auf Deiner halbierten Brust, geweint über Claus, über dumme Rehe, die auf die Straße laufen und in einem Lichtkegel stehen bleiben, über Johannes, der im schwarzen Wald ohne Vater aufwachsen wird, über Simon, über unsere Kinder, traumversunken in ihren Betten, geweint über meinen ausgelehrten Kopf, der nicht zurück an den Schreibtisch kann, über meine Müdigkeit und Erschöpfung, mein ständiges Schlafen später, mit dem ich mich seit Jahren am Laufen halte, und auch vor Ekel und Angst, eine Maus könnte mir über die nackten, frisch lackierten Sandalenfüße springen.“ Das ist allerhand! Wer kennt ihn nicht, diesen Zustand totaler Weltverlassenheit, in dem Selbstmitleid und Übertreibung regieren.

          Zsuzsa Bánk: „Schlafen werden wir später“. Roman. S. Fischer Verlag , Frankfurt am Main 2017, 688 S., geb., 24,- Euro.

          Márta Horváth und Johanna Messner, aufgewachsen in Frankfurt-Höchst, Freundinnen von Kindesbeinen an mit einer Rollenverteilung à la Elena Ferrante: die eine scheu, wohnhaft im Schwarzwald, über das Naturverhältnis der Annette von Droste-Hülshoff promovierend, mit dem Profil „einer biestigen, vom Leben gebeugten Deutschlehrerin“. Die andere: Poetin aus Frankfurt („frei, kopffrei, frei im Kopf“), Mutter dreier Kinder und Frau eines Cholerikers, der ebenfalls brotlos schreibt – man ahnt hier die Konflikte. Beide Frauen sind sich die engsten, treuesten Menschen. Weswegen das Buch ihren Schriftverkehr abbildet. Geschrieben von März 2009 bis Juni 2012 im jeweils von der anderen beschwärmten „Johanna-“ oder „Márta-Ton“, wobei die Töne bis in ihre sprachlichen Marotten hinein nicht wirklich voneinander zu unterscheiden sind. Ein Beispiel: Beide Schreiberinnern setzen recht exzessiv auf emphatisierende Wiederholung: „Du weißt, weißt, weißt es, dreimal hintereinander weißt Du es.“

          Schwüle Gedankenwelten sind belastend

          Inhaltlich verhält es sich so: Johanna ist soeben dem Krebs entronnen und trägt nicht nur eine Narbe in ihrem Herzen (Markus ist weg!), sondern eben auch auf ihrer Brust. Zum Trost schreibt sie an einer Doktorarbeit über „die Droste“. Márta wiederum hat Kinder und Mann, genau das, wonach ihre alleinstehende Freundin sich sehnt. Dennoch ist sie unglücklich. Ihre Familie, echauffiert sie sich in annähernd jedem Brief, sei ihr – „ich wurde gelöscht“ – Sargnagel: „Das Wenige, Spärliche sage ich ab, weil ich ja jeden Vormittag in die Kita muss, um eine Stunde im Schneidersitz zuzusehen, wie Henri Spielzeugautos und Miniverkehrsschilder aus Kisten auf den Teppich schüttet. Eine Einladung in die Schweiz habe ich abgesagt, in ein Poetenzimmer bei Zürich, letzte Woche eine Reise an den Comer See, ein Sommerzimmer, das mir zehn Tage lang hätte gehören können, und da habe ich geblutet, Johanna, Blutströme sind aus mir gesickert und haben unsere Dielen rot getränkt ...“ – bildlich gesprochen jetzt. Was den Flüssigkeitshaushalt angeht, gehören beide Frauen zur verschwenderischen Sorte, auch wenn Johanna einmal behauptet: „Meine Tränen fließen ja nicht so überall. Nicht so inflationär.“

          Spannung will der Roman über folgenden Grundwiderspruch gewinnen: Eine Freundin begehrt, was die je andere hat. Die implizite Eifersucht wird in einer romantischen Überhöhung der Frauenfreundschaft sublimiert. Ab und zu gibt es unterschwelligen Zickenkrieg, und das sind, Hand aufs Herz, die entlastenden Momente dieser schwülen Gedankenwelt: „Du hättest auf meiner Küchenbank weinen können“, beschwert sich Márta einmal über einen ausgebliebenen Besuch der Freundin, „Mia, Franz und Henri hätten sich mit Fäusten um Deinen Schoß gestritten, und Du hättest Dir unendlich begehrt und geliebt vorkommen können.“

          Aus dem Poesieautomaten entsprungen

          Hätte, hätte, Fahrradkette. Auch, wenn man es noch so oft betonte, so änderte sich doch nichts an der Tatsache, dass hier auf siebenhundert Seiten nichts passiert. Ja, könnte man einwenden, muss denn immer etwas passieren? Natürlich nicht! Die Literatur ist voll von Beispielen, in denen die Ereignislosigkeit im Mittelpunkt steht. Doch dieser Roman will den diffusen Alltag gar nicht reduzieren zu einer prononcierten Essenz. Er will seine Figuren nur ein bisschen daherreden lassen – meistens so: „Und Du, meine Schönste? Wirst im Schatten eines schneebedeckten Bergs wandern, umtost von Meereswellen und Schaumkronen, unter all den Gehilfen Poseidons Schritt für Schritt Lebensschiefheit abbauen?“

          Angereichert wird das Experiment mit der Lebensschiefheit durch kursiv gesetzte Literaturzitate, die wohl dem Poesieautomaten im Keller des Literaturarchivs Marbach entstammen. Der hat im Roman einen kurzen Auftritt, da Johanna am Neckar Material für ihre Doktorarbeit sammelt. Ausgerechnet über dieses Lebenswerk schweigen sich die allerbesten Freundinnen im Roman aus. Man erfährt lediglich das Thema: „Einen Blick auf die nahen Weinberge hinter den Fenstern geworfen. Natur in der Lyrik. Über den Bezug Natur – Ich – Werk. Am Beispiel der Droste.“ Dass man die arme Mehrfachbegabte so stark strapazieren muss für ein Buch, das sich kaum um seine Gewährsfrau in Sachen Episteln schert?

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          „Ich tue mir leid, du tust dir leid, er, sie, es tut sich leid, wir tun uns leid, ihr tut euch leid, sie tun sich leid“, so konjugiert Johanna einmal das Thema ihres Briefwechsels. Und es wäre noch hinnehmbar, wenn daraus etwas folgte. Tatsächlich wuchern wild nur die Neokomposita, die „nachtkalte Zimmer“ in „novemberkalter Luft“ hervorbringen und eine expressionistische Farbenlehre von „mokkabraunem Haar“ bis hin zu „nordmeerbleiblauen Augen“.

          Zsuzsa Bánk hat mit ihrem Romandebüt „Der Schwimmer“ viele Nachwuchspreise gewonnen. Sie galt, trotz wiederkehrender Vorbehalte gegen ihren elegischen Stil, durchaus als literarische Hoffnung. In ihrem jüngsten Werk aber laufen ihr die Herzensergießungen aus dem Ruder, „weil ich über meine eigenen Sätzen weine, die ich selbst geschrieben habe, das hätte ich doch abwenden, davor hätte ich mich doch sehr einfach schützen können“. Ja, hätte, hätte, dreimal hätte!

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