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E-Mail-Roman von Zsusza Bánk : Und Du, meine Schönste?

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Spannung will der Roman über folgenden Grundwiderspruch gewinnen: Eine Freundin begehrt, was die je andere hat. Die implizite Eifersucht wird in einer romantischen Überhöhung der Frauenfreundschaft sublimiert. Ab und zu gibt es unterschwelligen Zickenkrieg, und das sind, Hand aufs Herz, die entlastenden Momente dieser schwülen Gedankenwelt: „Du hättest auf meiner Küchenbank weinen können“, beschwert sich Márta einmal über einen ausgebliebenen Besuch der Freundin, „Mia, Franz und Henri hätten sich mit Fäusten um Deinen Schoß gestritten, und Du hättest Dir unendlich begehrt und geliebt vorkommen können.“

Aus dem Poesieautomaten entsprungen

Hätte, hätte, Fahrradkette. Auch, wenn man es noch so oft betonte, so änderte sich doch nichts an der Tatsache, dass hier auf siebenhundert Seiten nichts passiert. Ja, könnte man einwenden, muss denn immer etwas passieren? Natürlich nicht! Die Literatur ist voll von Beispielen, in denen die Ereignislosigkeit im Mittelpunkt steht. Doch dieser Roman will den diffusen Alltag gar nicht reduzieren zu einer prononcierten Essenz. Er will seine Figuren nur ein bisschen daherreden lassen – meistens so: „Und Du, meine Schönste? Wirst im Schatten eines schneebedeckten Bergs wandern, umtost von Meereswellen und Schaumkronen, unter all den Gehilfen Poseidons Schritt für Schritt Lebensschiefheit abbauen?“

Angereichert wird das Experiment mit der Lebensschiefheit durch kursiv gesetzte Literaturzitate, die wohl dem Poesieautomaten im Keller des Literaturarchivs Marbach entstammen. Der hat im Roman einen kurzen Auftritt, da Johanna am Neckar Material für ihre Doktorarbeit sammelt. Ausgerechnet über dieses Lebenswerk schweigen sich die allerbesten Freundinnen im Roman aus. Man erfährt lediglich das Thema: „Einen Blick auf die nahen Weinberge hinter den Fenstern geworfen. Natur in der Lyrik. Über den Bezug Natur – Ich – Werk. Am Beispiel der Droste.“ Dass man die arme Mehrfachbegabte so stark strapazieren muss für ein Buch, das sich kaum um seine Gewährsfrau in Sachen Episteln schert?

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„Ich tue mir leid, du tust dir leid, er, sie, es tut sich leid, wir tun uns leid, ihr tut euch leid, sie tun sich leid“, so konjugiert Johanna einmal das Thema ihres Briefwechsels. Und es wäre noch hinnehmbar, wenn daraus etwas folgte. Tatsächlich wuchern wild nur die Neokomposita, die „nachtkalte Zimmer“ in „novemberkalter Luft“ hervorbringen und eine expressionistische Farbenlehre von „mokkabraunem Haar“ bis hin zu „nordmeerbleiblauen Augen“.

Zsuzsa Bánk hat mit ihrem Romandebüt „Der Schwimmer“ viele Nachwuchspreise gewonnen. Sie galt, trotz wiederkehrender Vorbehalte gegen ihren elegischen Stil, durchaus als literarische Hoffnung. In ihrem jüngsten Werk aber laufen ihr die Herzensergießungen aus dem Ruder, „weil ich über meine eigenen Sätzen weine, die ich selbst geschrieben habe, das hätte ich doch abwenden, davor hätte ich mich doch sehr einfach schützen können“. Ja, hätte, hätte, dreimal hätte!

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