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Roman über Jugend in Dagestan : Verflucht sei von nun an der Bräutigam

Diesen Weg geht man am besten aus eigenem Antrieb: Brautmodengeschäft in der dagestanischen Hauptstadt Machatschkala Bild: ddp Images

Der Saal ist gemietet, jetzt fehlt nur noch die Braut: Alissa Ganijewas „Eine Liebe im Kaukasus“ schildert die russische Republik Dagestan und fragt nach der Freiheit des Einzelnen in einer unsicheren Welt.

          3 Min.

          Was haben sie sich Mühe gegeben, die Eltern, die Verwandten, welche Sorgfalt haben sie auf die Rituale gelegt, die für eine dagestanische Hochzeit seit je zwingend vorgeschrieben sind! Nun ist die vorletzte Stufe der langwierigen Prozedur erreicht: In einem gestopft vollen Restaurant findet die traditionelle Brautwerbung statt, und zwischen den Reden, Trinksprüchen und Glückwünschen werden unter den Gästen eifrig weitere Verlobungen in die Wege geleitet. Dann aber betritt plötzlich eine alte Frau die Bühne und flucht so lange nach Herzenslust auf den Bräutigam, der ihre Tochter verführt und sitzengelassen habe, bis man sie aus dem Raum zerrt. Doch die Hochzeit wird nicht stattfinden, und die Eltern von Braut und Bräutigam stehen vor einem Scherbenhaufen.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Es ist nicht einmal die Enthüllung über das voreheliche Liebesleben des Bräutigams, die auf der Feier für ein derartiges Entsetzen sorgt. Es sind der Auftritt der schwarzgekleideten alten Frau und ihr Fluch, das sichere Wissen aller Anwesenden darum, dass kein Segen auf der Verbindung ruhen kann und dass man den Worten dieser gekränkten Mutter nur mit einem mächtigen Zauber wird beikommen können, etwa durch die Beschwörungen einer Wahrsagerin aus der Nachbarschaft. „Einen Fluch aufheben kann nicht jeder“, heißt es. Und im Fall des Bräutigams zeigt er nur allzu schnell seine Wirkung.

          Zwischen alten Bräuchen und neuen Moden

          Hochzeiten stehen in Alissa Ganijewas Roman „Eine Liebe im Kaukasus“ an zentraler Stelle, aber nicht um ihrer selbst willen. Die einunddreißigjährige Autorin, die aus Dagestan stammt und nun in Moskau lebt, beschreibt in ihrem zweiten Roman nach „Die russische Mauer“ (F.A.Z. vom 17. Februar 2014) Anbahnung und Durchführung dieser Zeremonien, um wie in einem Brennglas ein Bild ihrer Heimat einzufangen, gezeichnet von heftigen Konflikten zwischen den Generationen, zwischen Laizismus und Religiosität, zwischen alten Bräuchen und neuen Moden und nicht zuletzt zwischen postsowjetischer Rationalität und dem Verharren in Ritualen, für die es keinen Grund gibt außer der Furcht, eine ganze Welt könnte versinken, wenn man an ihnen rüttelt.

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          Um dies zu schildern, wählt die Autorin zwei Perspektiven, die sich ähneln, aber in einem entscheidenden Punkt unterschiedlich sind. Der Anwalt Marat und die junge Patja, die aushilfsweise Gerichtsakten kopiert, reisen, ohne einander zu kennen, etwa gleichzeitig aus Moskau in die dagestanische Heimat, wo sie nicht nur Verwandtenbesuche absolvieren und die in der Hauptstadt gemachten Erfahrungen mit den dagestanischen Verhältnissen abgleichen. Sie sollen auch jeweils heiraten, finden die Eltern. Und während der Druck dazu auf Patja mit dem Hinweis grundiert wird, sie sei mit inzwischen 25 Jahren langsam zu alt für den heimischen Heiratsmarkt und werde in ein paar Jahren allenfalls einen geschiedenen Mann mit Kindern abkriegen, sieht sich Marat in einer Situation, die, von Moskau aus betrachtet, absurd anmutet, hier jedoch von niemandem groß in Frage gestellt wird: Der Hochzeitstermin steht fest, der Saal ist gemietet, das Büfett bestellt, es fehlt nur noch die Braut. Und weil für den Jahre im voraus ausgebuchten Raum nur noch ein recht kurzfristiger Termin zu bekommen war, drängt die Zeit.

          Natürlich ist das eine durchaus schematische Konstruktion, und die Autorin lässt sie aufscheinen, indem etwa die Kapitel abwechselnd aus Patjas und aus Marats Perspektive erzählt werden oder sich die beiden exakt in der Mitte des Romans zum ersten Mal begegnen. Damit setzt Ganijewa aber auch das Signal, dass es um mehr geht als um „Eine Liebe im Kaukasus“, wie der deutsche Titel ein wenig irreführend verspricht. Denn die jäh über die beiden hereinbrechende Zuneigung, ersichtlich gegen die üblichen, arrangierten Ehen entworfen, ist in der Schilderung der schwächste Teil des Romans, dessen Originaltitel sich etwa mit „Bräutigam und Braut“ übersetzen ließe.

          Worum aber geht es dann? Einen ersten Hinweis gibt ein Partygespräch noch in der Moskauer Peripherie. Auf die akademische Frage „Was will der Kaukasus?“ antwortet Patja: „Ein System, das funktioniert“ – und also nicht, was ja auch eine mögliche Antwort wäre, etwa Freiheit, Demokratie oder Wohlstand. Dieses Minimalziel aber ist immer weniger in Sicht. Stattdessen zeigt Ganijewa, welche Rolle die zunehmend militanten Islamisten spielen, was passiert, wenn sich Islam und Altkommunismus argumentativ verbünden und wie dabei besonders der Spielraum für junge Frauen immer enger wird. Ein Verehrer von Patja etwa, der als ein Mann mit wachsendem Einfluss und daher als gute Partie gilt, erhebt archaische Ansprüche auf sie, aber per Smartphone. Und während junge Frauen sich über privat aufgenommene Sexfilme unterhalten, ist zugleich auch die Hymen-Rekonstruktion ein Thema, um als vermeintliche Jungfrau in die arrangierte Ehe zu gehen.

          Mit diesem Nebeneinander der Werte scheinen sich im heutigen Dagestan viele zu arrangieren. Ganijewa schildert aber auch, wie instabil diese Lage ist und wie die Furcht davor wächst, dass diese Konflikte noch gewalttätiger ausgetragen werden als ohnehin schon und wen das vor allem treffen wird. Zu den stärksten Passagen dieses Romans gehört denn auch, wie hin und wieder ein dubioser Heilsbringer im grünen Mantel durchs Bild geistert, dessen Anhänger ihm alles zutrauen, im Guten wie im Bösen. Auch sein mafiöses Beziehungsnetz verspricht, was „der Kaukasus“ angeblich will: Stabilität.

          Anders als Marat wird sich die hellsichtige Patja am Ende alldem entziehen. Vielleicht, weil sie so viel mehr zu verlieren hat.

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