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Roman von Stig Sæterbakken : Der Sonntag, an dem ich verrückt wurde

  • -Aktualisiert am

Stig Sæterbakken (1966 bis 2012) Bild: Foto Jo Michael

In Stig Sæterbakkens Roman „Durch die Nacht“ ist ein Junge tot, bevor er erwachsen werden kann. Mit der Familie zerbricht die Chronologie des Erzählens. Der untreue Vater soll an allem schuld sein. Aber ist es so einfach?

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          Die Korkpinnwand neben dem Kühlschrank ist verschwunden. Stattdessen hängt dort ein Kalender, in den die Aktivitäten von drei Menschen eingetragen sind. Eigentlich müssten es vier sein. Doch der vierte Mensch, dessen Blick auf den Kalender fällt, ist nicht mehr Teil der Familie. Er kommt jetzt zu Besuch in das Haus, in dem er früher gelebt hat, und betrachtet es als Fremder. Auch eine neue Schürze hängt neben der Spüle – „sichtbares Zeichen“ dafür, dass die Frau nun allein in diesem Haus bestimmt.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Es ist eine alte Trennungsgeschichte, und doch ist sie immer neu. Stig Sæterbakken erzählt sie mit lakonischem Blick auf die äußeren Anzeichen, die solch ein Familienzerfall mit sich bringt. Der Sohn, bald achtzehn, benutzt das vom Vater geschenkte Fahrrad nicht mehr, wohl aus Trotz. „Die Kette rostete und hing schlaff durch, der Sitz war an den Seiten aufgeschlitzt, als wäre jemand mit dem Messer auf ihn losgegangen.“ Die jüngere Tochter immerhin präsentiert noch stolz eine Urkunde. Die Hände der Mutter sind kalt wie Stein, als der Vater sie berührt.

          Das ist alles traurig genug – aber noch nichts im Vergleich dazu, was noch kommen wird. Denn dieser Roman ist mehr als eine Variante moderner Beziehungsmisere, in der manche ihre eigene wiedererkennen mögen; er ist vielmehr der Horrortrip eines Menschen, der auf der ersten Seite schon bekundet, in andauernder Nacht zu leben. Zu Beginn ist die Katastrophe bereits geschehen, wir lesen von ihr in Rückblenden, so durcheinandergeraten wie ihr Erzähler. Dessen Sohn nämlich ist tot, bevor er erwachsen wird. Und es scheint klar, wer daran die Schuld tragen soll.

          Alles hätte anders verlaufen können, wenn der Vater an einem Abend Jahre zuvor einfach zu Hause geblieben wäre. Wenn er keine Affäre begonnen hätte, nicht ausgezogen wäre, nicht seine Familie zerstört hätte. Aber ist es wirklich so einfach? Der Verzweifelte scheint es irgendwann selbst zu glauben, nach weiteren drei Jahren mit Frau und Tochter, die ihn offenbar hassen, wird er ein zweites Mal ausziehen und sich auf eine Reise in noch tiefere Dunkelheit begeben, die den Roman schließlich Richtung David Lynch abbiegen lässt, in ein sonderbares Haus tief in der Slowakei, dessen Besucher „mit den schlimmsten Ängsten ihres Lebens konfrontiert werden“. Er wird aber auch eine andere Frau vor dem Suizid retten, die schon am Brückengeländer steht, bevor er schließlich in ein Traumland einbiegt, in dem ewige Weihnacht ist.

          Sæterbakkens Roman hat die Qualität, die zuletzt beschriebenen Wendungen nicht völlig aus der Luft gegriffen wirken zu lassen, sondern als tatsächlich konsequente Folge äußerlichen und psychischen Erlebens, das auf einem alles bestimmenden Knacks beruht. „Als ich an einem Sonntag verrückt wurde“, beginnt etwa ein Textabschnitt. Der Erzähler steht vor einer laufenden Waschmaschine, zitternd an Armen und Beinen, und „mit diesem Zittern kam eine Art Schluchzen“, man weiß nicht, ob von der Maschine oder vom Menschen. „Ich sah eine Zeichentrickfigur vor mir, irgendeinen Volltrottel nach dem Zusammenprall mit einem Fahnenmast, das Gesicht fast aufgelöst flimmernd in einem trockenen Weinen ohne Tränen.“

          Eine Erschütterung ist auch dieses Buch, das in gewisser Weise unabgeschlossen bleibt. Im Original 2011 erschienen, bleibt es der letzte Roman seines 1966 in Lillehammer geborenen Verfassers. Stig Sæterbakken nahm sich 2012 das Leben.

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