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Roman von Alan Hollinghurst : Klingt etwas nach Ironie der Verzweiflung

Beim traditionellen Bootsrennen zwischen Oxford und Cambridge: Junge Männer werden in Hollinghursts Roman zu Objekten der Begierde. Bild: Getty

Der britische Autor Alan Hollinghurst arbeitet in seinem Roman „Die Sparsholt-Affäre“ den Umgang mit Homosexualität in England seit dem Zweiten Weltkrieg auf.

          3 Min.

          David Sparsholt ist ein Bild von einem Mann. Kein Wunder, dass er den Namen einer marmornen Michelangelo-Statue trägt. Ein makelloser Muskelmann. Breite Schultern. Blaue Adern, die sich auf den Oberarmen abzeichnen. Dazu auch noch mit einem „herrlichen“ Kopf, „wie ein römischer Gladiator“, heißt es in dem Roman des britischen Autors Alan Hollinghurst. Sparsholt ist noch keine achtzehn Jahre alt, ein Ruderer. In seinem Zimmer in einem College-Gebäude von Oxford trimmt er sich mit Gewichten und „vollführt etwas mit einem Seil“. Gegenüber gaffen die Mitglieder eines Literaturklubs durch das Fenster ins erleuchtete Zimmer des schönen Athleten, sie beobachten ihn, bis der Laden zugeklappt wird. Was nicht lange dauert, zum Schauen bleibt nur die kurze Zeitspanne zwischen Sonnenuntergang und Verdunkelung, denn wir schreiben das Jahr 1940.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Man geht mit Taschenlampen umher in der Nachtschwärze der Universitätsstadt, sogar die Taschenlampen sind noch abgeklebt, so dass nur ein kleiner Streifen Licht übrig bleibt. Im Himmel darüber fliegen deutsche Flugzeuge mit ihren Bomben Richtung London weiter, doch nicht nur deshalb ist die Stimmung angespannt. Bei den Mitgliedern des Spanner-Klubs am Fenster ist eine allgemeine Begierde erwacht nach diesem anziehenden Athleten, ob nun bei Männlein oder Weiblein, eine Begierde, die von nun an durch diese Geschichte vibriert.

          Männliche Prostituierte und Betrug

          Und David? Der hat eine Verlobte. Er wartet auf seine Einberufung zur Royal Air Force, ist ein sachlicher Typ, studiert nicht Geisteswissenschaften, sondern etwas Technisches und will Ingenieur werden. Eine testosterongesättigte Hetero-Existenz also. Wäre da nicht seine Verbindung zu dem feinsinnigen Kunstfreund Evert Dax, der ihn dazu bringt, seine homosexuellen Neigungen zu entdecken. Und seinen Geschäftssinn auf diesem besonderen Feld – er erhält 20 Pfund, die er dringend braucht. Beides wird ihm nicht unbedingt guttun.

          Wie es nun weitergeht mit dem schönen David? Das herauszufinden wird mühsam nach der Lektüre des ersten, virtuosen, 117 Seiten langen Teils des Romans. Gleich zu Beginn scheint das Buch sein fesselndes Thema gefunden zu haben. Und doch scheint der Autor, 2004 für seinen Roman „Die Schönheitslinie“ mit dem Man Booker Preis ausgezeichnet, auf den folgenden gut 400 Seiten danach zu suchen. In vier weiteren Blöcken schreitet er durch die Jahrzehnte bis ins Jahr 2012, und dabei ändert sich alles. Die Erzählperspektive – der erste Teil ist in der Ich-Form geschrieben. Die Hauptfigur – alles dreht sich jetzt um Sparsholts Sohn Johnny, einen seit seiner Initiation durch einen haltlosen französischen Austauschschüler offen schwul lebenden Mann, der sich in der Londoner Kulturszene etabliert. Die Mitglieder des Literatur-Klubs tauchen zwar bis auf einen Maler, der im Krieg gefallen ist, später wieder auf.

          Und auch dieser lebt fort durch eine Zeichnung, die er von David gemacht hat – sein nackter Körper, allerdings ohne Kopf und „das Geschlecht durch einen verschmierten Fleck angedeutet“. Doch ausgerechnet einer kommt über lange Zeit nur noch indirekt vor: David. Auch die nach ihm benannte „Sparsholt-Affäre“ wird nicht beschrieben. Man muss sich die Einzelheiten zusammenklauben aus vielerlei Episoden. Offenbar geschah der Skandal in den sechziger Jahren, hat nicht nur mit homosexuellen Handlungen zu tun, die damals in England noch ungesetzlich waren, sondern mit männlichen Prostituierten und Betrug. Beteiligt sind neben David Sparsholt, der sogar hinter Gitter musste, ein Geschäftsfreund und ein Parlaments-Abgeordneter. Johnnys Eltern lassen sich scheiden, der Sohn, und damit auch der Leser, hält nur noch sparsamen Kontakt mit dem Vater. Nur noch einmal taucht der vom Sockel gefallene Kriegsheld leibhaftig auf, schon mehr als siebzig Jahre alt, immer noch stählern und gutaussehend.

          Der zwanghafte Blick auf den Schritt

          Mit dem Witz und oft auch dem sauberen Timing des englischen Konversationstons („Die Bilder schienen den Anwesenden im Raum eine gewisse Qualität zu verleihen...“) erzählt Hollinghurst hauptsächlich von anderen Dingen. Von weiteren Objekten der Begierde, vom zwanghaften Blick auf Schritt und Hinterteil potentieller Gespielen, von den unterschwelligen Bieterdramen auf einer Kunst-Auktion – und einer Trauergesellschaft aus alten Freunden, die in der Wohnung der Verstorbenen zu ihrer Überraschung Wertgegenstände entdecken, die schon vor langer Zeit rätselhafterweise aus ihren Häusern verschwunden sind. Frauen treten auf. Wenn sie hetero sind, gleichen sie fast schon Karikaturen, erwähnt sei nur der überdimensionale Busen von Johnnys Mutter Connie.

          Johnnys Erlebnisse lassen sich auch lesen wie ein historischer Abriss der Londoner Schwulen-Gesellschaft – allerdings unter Auslassung der schmerzhaften achtziger Jahre. Johnny heiratet einen Mann, wird Vater einer Tochter, die ein lesbisches Paar zu Müttern hat. Und man erlebt, wie der ganze Kreis altert. Tröstlicherweise gibt es bei Hollinghurst genug junge Schwule, die auf alte Männer stehen. Die Art, wie der in die Jahre gekommene Evert Dax im Roman von seinem „gerontophilen“ Geliebten gesehen wird, erzählt aber dann doch von Wunschdenken: Den „sexy Speck“ um die Mitte und die „liebenswerten Altersfalten“ unter den Armen. Klingt ein bisschen nach der Ironie der Verzweiflung, gegen die nur noch Alkohol hilft. Getrunken jedenfalls werden große Mengen in dieser Gesellschaft.

          Bestens unterhalten, erreicht der Leser schließlich das Ende des Romans. Und würde doch Hunderte von gelesenen Seiten dafür hergeben, mehr zu erfahren über den verschlossenen David und das Verhältnis zwischen Vater und Sohn.

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