https://www.faz.net/-gr3-9jv5r

Roman von Julian Barnes : Reifeprüfung auf englischem Rasen

Der wunde Punkt liegt immer in der Mitte: Julian Barnes erzählt von Paul, Susan und ihrer zum Scheitern verurteilten Liebe. Bild: Picture-Alliance

Das Ende einer Liebesgeschichte: Der britische Schriftsteller Julian Barnes erzählt in seinem neuen Roman von einer großen, zerstörerischen Leidenschaft.

          4 Min.

          Dass das Leben zwar vorwärts gelebt, aber nur rückwärts verstanden wird, dieser Gedanke beschäftigt Julian Barnes seit seinen Anfängen als Schriftsteller. Doch hat der Brite seine Zweifel, ob sich in der Rückschau das Geheimnis des Lebens wirklich entschlüsseln lässt, wie Kierkegaard einst meinte. Schon seinen Tony Webster ließ Barnes ziemlich in die Irre laufen, als er ihn glauben ließ, den Strom der vergehenden Zeit gelassen aus der Distanz betrachten zu können. Der Pensionist wurde schließlich auf eine Weise von seiner Vergangenheit heimgesucht, dass „Vom Ende der Geschichte“, wie der Roman aus dem Jahr 2011 heißt, zuletzt nichts mehr blieb, wie es schien.

          Sandra Kegel

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Auch in seinem neuen Roman lässt Barnes einen Mannes mit dem Abstand von fünfzig Jahren auf sein früheres Ich schauen. Und der Zweifel ist von Anfang an mit von der Partie, wenn der Erzähler fragt, ob dieses Erzählen und Wiedererzählen der Wahrheit näher kommt oder von ihr wegführt. Es ist die literarische Doppelhelix, die den Reiz der Barn’schen Prosa ausmacht: Hier kommen zwei Zeitebenen eines Bewusstseins zum Ausdruck, die unvereinbar bleiben müssen. Was der gealterte Paul weiß, hätte der junge niemals vorhersehen oder sich ausdenken können. Zugleich werden die Ereignisse aus jenen frühen sechziger Jahren, als die Geschichte ihren Anfang nimmt, sein ganzes weiteres Leben bestimmen. Doch hätte er anders gehandelt, wenn er als sorgloser Student gewusst hätte, wohin ihn „Die einzige Geschichte“, wie der Roman heißt, dereinst führen würde?

          Spott für all die Hugos und Carolines

          Die einzige Geschichte, das ist für Paul seine erste Liebe, und die zentrale Frage, um die seine Erinnerung wieder und wieder kreist, lautet: „Würden Sie lieber mehr lieben und dafür mehr leiden oder weniger lieben und weniger leiden?“

          Verstehen kann es erst in der Rückschau geben: Autor Julian Barnes.

          Paul ist neunzehn, gelangweilt und etwas hochnäsig, als er die Sommerferien bei seinen Eltern in einem Londoner Vorort verbringt, in dem sich die britische Mittelklasse versammelt. Die Mutter empfiehlt ihm, sich beim Tennisclub anzumelden, doch der Student hat zunächst nur Spott übrig für die „Liguster- und Kirschlorbeerzukunft“ all der „Hugos“ und „Carolines“ in ihren gebügelten Tenniskleidern. Da wird er eines Tages bei einem Mixed-Turnier der verheirateten Hausfrau und Mutter Susan Mcleod als Partner zugeteilt. Was den ersten Schlägen auf dem Rasen folgt, ist indes kein coup de foudre, auch keine Sommeraffäre, sondern eine Beziehung, die keinen konkreten Anfangspunkt hat und allen Krisen und Hindernissen zum Trotz mehr als zehn Jahre dauern wird.

          Liest sich das erste der drei Kapitel mit den prosaischen Überschriften „Eins“, „Zwei“ und „Drei“ noch wie eine britische „Reifeprüfung“, mit erwachenden Gefühlen, heimlichen Treffen und einem zwar tumben, aber noch drollig wirkenden Ehemann, den die mit spitzem Humor ausgestattete Susan verspottet, weicht die Leichtigkeit des Seins spätestens im Mittelteil. Vielleicht ist es jugendliche Unbekümmertheit oder aber Ignoranz, dass Paul sich in der fremden Familie einnistet, als gäbe es kein Gestern, die Töchter Susans kaum zur Kenntnis nimmt und auch gewisse Vorzeichen geflissentlich übersieht, sich dafür aber köstlich über die Provokation seiner Mesalliance amüsiert.

          Die Verhältnisse schlagen zurück

          Als das heimliche Paar aus dem Tennisclub geworfen wird, weil es Gerede gibt, kann er noch lachen, doch spätestens als Paul und Susan beschließen, dem Ort im Grünen den Rücken zu kehren und gemeinsam in London zu leben, schlagen die Verhältnisse zurück. Paul verbringt die Tage an der Universität, während Susan zu Hause sitzt und ihre Einsamkeit, mehr aber noch die Folgen ihrer Entscheidung mit Alkohol zu bekämpfen sucht. Tatsächlich ist sie eine Versehrte, die von ihrem Mann Gordon geschlagen wurde und noch immer wird, wenn sie ihr ehemaliges Zuhause aufsucht. Selbst nach der Trennung kann sie sich nicht dagegen zur Wehr setzen, sondern lässt sich stattdessen neue Zähne machen. Susans zunehmende Verwirrung wächst gleichermaßen wie Pauls Entfremdung, der sich seine Scham kaum eingestehen will, als er Susan wieder einmal irgendwo betrunken einsammeln muss.

          Julian Barnes: „Die einzige Geschichte.“ Roman. Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019. 304 S., geb., 22,– .

          Wohin gehen wir? Was wird aus uns? Das ist hier untrennbar verbunden mit der Frage, woher wir kommen. Und wie verschieden darauf geschaut wird, das macht Julian Barnes nicht zuletzt im Perspektivwechsel der drei Kapitel deutlich. Seinen Erzähler lässt er zunächst in der ersten Person berichten, was Nähe und Intimität vermittelt, während Paul im zweiten Teil in der fast schon anklagenden Du-Form erzählt, um schließlich im dritten Teil von sich fast schon distanziert als „er“ zu sprechen.

          „Der Lärm der Zeit“ hieß Julian Barnes zuletzt erschienener Roman, der von Schostakowitsch unter Stalin und also einer Künstlerfigur in kompromittierenden Zeiten handelte. „Die einzige Geschichte“ geht nunmehr der Frage nach, was wir mit dem Blick auf unser Leben von uns wissen und inwieweit das Erlebte den Fortgang einer Biographie bestimmt. Die Ereignisse jener Sommertage Anfang der sechziger Jahre stellen sich in der Rückschau für Paul noch einmal anders dar, und sogar der rücksichtslose und zu Gewalt neigende Gordon erfährt am Ende zwar keine Absolution, aber die Gründe für seine Herrschsucht werden kenntlich gemacht.

          Für Paul, der Susan nicht retten kann, vor dem Alkohol, vor ihren Dämonen, vor dem Vergessenwollen, und sie irgendwann verlässt, bleiben am Ende zwei Sichtweisen auf das Leben: Gemäß der einen ist es eine Reihe von kleinen und großen Entscheidungen. Dabei kommt der Mensch „dem Kapitän eines Raddampfers“ gleich, der über den „gewaltigen Mississippi des Lebens“ tuckert. Gemäß der anderen ist das Dasein eine Unvermeidlichkeit: In dieser Vorstellung regiert die Vorgeschichte, und ein Leben ist nichts mehr als ein „Knubbel in einem Baumstamm, der selbst auf dem gewaltigen Mississippi umhergetrieben wird“. Man wird hierhin und dorthin gezerrt, herumgeworfen und umspült von Strudeln und Wirbeln und den Launen des Zufalls, „über die es keine Kontrolle gibt“.

          In dieser Rückschau auf zwei Leben, die sich auf verhängnisvolle Weise ineinander verstrickt haben, destilliert Barnes immer neue Einsichten und Ausblicke heraus. Auch die, dass nicht nur beim Tennis, sondern auch bei einem Satz wie „Ich liebe Dich“ der wunde Punkt immer in der Mitte liegt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Tourismus : Schweiz buhlt um Deutsche

          Den Eidgenossen fehlen die ausländischen Gäste, vielen Hotels droht der Konkurs. Nun wollen sie bei deutschen Touristen punkten – mit praktischen und geldwerten Angeboten.
          Gut gelaunt mit amerikanischen Soldaten am Truppenstützpunkt Ramstein: Amerikas Präsident Donald Trump im Jahr 2018.

          Trumps Abzugspläne : Ein weiterer Tiefschlag

          Sollten Tausende amerikanische Soldaten Deutschland verlassen, würde das vor allem dem Pentagon selbst zu schaffen machen. Für das transatlantische Verhältnis aber verheißt es nichts Gutes.
          Nicht nur Gnabry (links) und Goretzka trafen für den FC Bayern in Leverkusen.

          4:2 in Leverkusen : Der FC Bayern ist eine Klasse für sich

          Die Münchner meistern die wohl größte Hürde, die auf dem Weg zum Titel noch zu nehmen war, mit dem klaren Sieg in Leverkusen souverän. Die fußballerische Perfektion erinnert an die besten Phasen unter Pep Guardiola.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.