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Roman von Julian Barnes : Reifeprüfung auf englischem Rasen

Der wunde Punkt liegt immer in der Mitte: Julian Barnes erzählt von Paul, Susan und ihrer zum Scheitern verurteilten Liebe. Bild: Picture-Alliance

Das Ende einer Liebesgeschichte: Der britische Schriftsteller Julian Barnes erzählt in seinem neuen Roman von einer großen, zerstörerischen Leidenschaft.

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          Dass das Leben zwar vorwärts gelebt, aber nur rückwärts verstanden wird, dieser Gedanke beschäftigt Julian Barnes seit seinen Anfängen als Schriftsteller. Doch hat der Brite seine Zweifel, ob sich in der Rückschau das Geheimnis des Lebens wirklich entschlüsseln lässt, wie Kierkegaard einst meinte. Schon seinen Tony Webster ließ Barnes ziemlich in die Irre laufen, als er ihn glauben ließ, den Strom der vergehenden Zeit gelassen aus der Distanz betrachten zu können. Der Pensionist wurde schließlich auf eine Weise von seiner Vergangenheit heimgesucht, dass „Vom Ende der Geschichte“, wie der Roman aus dem Jahr 2011 heißt, zuletzt nichts mehr blieb, wie es schien.

          Sandra Kegel

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Auch in seinem neuen Roman lässt Barnes einen Mannes mit dem Abstand von fünfzig Jahren auf sein früheres Ich schauen. Und der Zweifel ist von Anfang an mit von der Partie, wenn der Erzähler fragt, ob dieses Erzählen und Wiedererzählen der Wahrheit näher kommt oder von ihr wegführt. Es ist die literarische Doppelhelix, die den Reiz der Barn’schen Prosa ausmacht: Hier kommen zwei Zeitebenen eines Bewusstseins zum Ausdruck, die unvereinbar bleiben müssen. Was der gealterte Paul weiß, hätte der junge niemals vorhersehen oder sich ausdenken können. Zugleich werden die Ereignisse aus jenen frühen sechziger Jahren, als die Geschichte ihren Anfang nimmt, sein ganzes weiteres Leben bestimmen. Doch hätte er anders gehandelt, wenn er als sorgloser Student gewusst hätte, wohin ihn „Die einzige Geschichte“, wie der Roman heißt, dereinst führen würde?

          Spott für all die Hugos und Carolines

          Die einzige Geschichte, das ist für Paul seine erste Liebe, und die zentrale Frage, um die seine Erinnerung wieder und wieder kreist, lautet: „Würden Sie lieber mehr lieben und dafür mehr leiden oder weniger lieben und weniger leiden?“

          Verstehen kann es erst in der Rückschau geben: Autor Julian Barnes.

          Paul ist neunzehn, gelangweilt und etwas hochnäsig, als er die Sommerferien bei seinen Eltern in einem Londoner Vorort verbringt, in dem sich die britische Mittelklasse versammelt. Die Mutter empfiehlt ihm, sich beim Tennisclub anzumelden, doch der Student hat zunächst nur Spott übrig für die „Liguster- und Kirschlorbeerzukunft“ all der „Hugos“ und „Carolines“ in ihren gebügelten Tenniskleidern. Da wird er eines Tages bei einem Mixed-Turnier der verheirateten Hausfrau und Mutter Susan Mcleod als Partner zugeteilt. Was den ersten Schlägen auf dem Rasen folgt, ist indes kein coup de foudre, auch keine Sommeraffäre, sondern eine Beziehung, die keinen konkreten Anfangspunkt hat und allen Krisen und Hindernissen zum Trotz mehr als zehn Jahre dauern wird.

          Liest sich das erste der drei Kapitel mit den prosaischen Überschriften „Eins“, „Zwei“ und „Drei“ noch wie eine britische „Reifeprüfung“, mit erwachenden Gefühlen, heimlichen Treffen und einem zwar tumben, aber noch drollig wirkenden Ehemann, den die mit spitzem Humor ausgestattete Susan verspottet, weicht die Leichtigkeit des Seins spätestens im Mittelteil. Vielleicht ist es jugendliche Unbekümmertheit oder aber Ignoranz, dass Paul sich in der fremden Familie einnistet, als gäbe es kein Gestern, die Töchter Susans kaum zur Kenntnis nimmt und auch gewisse Vorzeichen geflissentlich übersieht, sich dafür aber köstlich über die Provokation seiner Mesalliance amüsiert.

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