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Roman „Der Reisende“ : Die Höllenfahrt des Otto Silbermann

Zerstörte Schaufenster jüdischer Geschäfte nach der „Reichskristallnacht“ Bild: Picture-Alliance

Die verspätete Entdeckung der Emigrationsliteratur von einem Autor mit eisernem Willen: Ulrich Alexander Boschwitz publizierte „Der Reisende“ erstmals 1939. Jetzt ist der Roman endlich auf Deutsch zu lesen.

          5 Min.

          Am 29. Oktober 1942 ertrank Ulrich Alexander Boschwitz in einer mondhellen Nacht im Atlantik nordwestlich der Azoren. Das britische Schiff „Abosso“, auf dem er zusammen mit 391 weiteren Passagieren und Besatzungsmitgliedern reiste, war von dem deutschen U-Boot U 575 torpediert worden. Nur dreißig Menschen überlebten die Versenkung, darunter nur einer der 44 Internierten, die sich wie Boschwitz auf dem Rücktransport aus einem australischen Lager für „enemy aliens“ nach England befanden, wo sie als Freiwillige in den Kriegsdienst für ihr Gastland eintreten wollten.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Boschwitz war 27 Jahre alt. Als er starb, trug er das Manuskript eines Romans bei sich, den er im Internierungslager bei Melbourne geschrieben hatte. Es war sein dritter; der erste, „Menschen neben dem Leben“, war 1937 in Schweden, der zweite, „Der Reisende“, 1939 in englischer Übersetzung in London und ein Jahr später in den Vereinigten Staaten erschienen. In seinem letzten Brief an seine Mutter auf der Isle of Man, der auf der Website des Leo Baeck Instituts nachzulesen ist, kündigt Boschwitz eine korrigierte Neufassung des „Reisenden“ an, die ein Bekannter für ihn nach England bringen will. Er glaube, schreibt er, dass etwas an dem Buch sei, das es „zu einem Erfolg machen“ könne, besonders nach dem Krieg. Die Korrekturfassung hat die Mutter nie erreicht.

          Das ist, in Kurzform, die Vorgeschichte des Romans „Der Reisende“, der jetzt, 76 Jahre nach dem Tod seines Verfassers, zum ersten Mal in der Sprache erscheint, in der er geschrieben wurde. Es ist eine Geschichte von Emigration und Deportation, von Neubeginn und gescheiterten Hoffnungen, eine von vielen Tragödien des Exils. Und es ist die Geschichte eines Talents im Werden. Der Nachlass von Boschwitz im Leo Baeck Institut enthält zahlreiche unveröffentlichte Manuskripte, darunter Erzählungen, Verse, ein Kinderbuch, ein Dramolett über Paul von Hindenburg und Entwürfe für Zeitungsartikel. Sie sind, wie etwa die Spottgedichte über das „Dritte Reich“ – „Lumpen haben keinen Dunst, / pfui, pfui, pfui / von echter, wahrer deutscher Kunst! / Heil, Heil, Heil!“ –, von durchaus unterschiedlicher Qualität, aber aus jedem spricht die eiserne Entschlossenheit des Autors Boschwitz, ein Leben als Schriftsteller zu beginnen. Und sein Zorn, seine Empörung darüber, dass es ihm versagt bleibt, dieses Leben in Deutschland zu führen.

          Ulrich Alexander Boschwitz: „Der Reisende“. Roman. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2018. 303 S., geb., 20,– .
          Ulrich Alexander Boschwitz: „Der Reisende“. Roman. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2018. 303 S., geb., 20,– . : Bild: Klett-Cotta Verlag

          Denn Boschwitz war Jude, Halbjude in der Terminologie der Nazis. Sein Vater, ein wohlhabender Kaufmann, war kurz vor seiner Geburt 1915 gestorben, seine Mutter, die nach der Verkündung der Nürnberger Rassengesetze mit Ulrich Alexander und seiner Schwester nach Schweden und später nach England ging, entstammte einer Lübecker Senatorenfamilie. Dass Boschwitz den Vater vermisst, dass seine literarische Phantasie den Toten umkreist hat, ist aus den erhaltenen privaten Aufzeichnungen und den Fotos, die eine Kindheit im Matrosenanzug und einen blonden Jüngling mit Krawatte und weichen, offenen Gesichtszügen zeigen, nicht zu ersehen. Es gibt nur ein Indiz dafür, aber das ist schlagend – ebender Roman, der jetzt vorliegt.

          „Der Reisende“ spielt im November 1938, am Tag nach der „Reichspogromnacht“ und in den Wochen danach. Otto Silbermann, die Hauptfigur, ist ein jüdischer Geschäftsmann, der sich bis zu diesem Zeitpunkt in Hitlers Reich zwar unwohl, aber sicher gefühlt hat. Jetzt öffnen ihm die staatlich geplanten Gewaltexzesse die Augen über seine wahre Lage: „Mir ist der Krieg erklärt worden, mir persönlich.“ Er verliert seine Hoffnungen: Der Teilhaber, von dessen Nazi-Kontakten er sich Schutz und Profit erhofft hat, drängt ihn aus seiner eigenen Firma, ein Fluchtversuch nach Belgien scheitert kläglich, und der Schwager, bei dem Silbermanns Frau untergeschlüpft ist, will nichts mehr von ihm wissen. „Ich lebe mit Verlust“, erkennt der Reisende. Durch eine schöne Frau, der er auf einer seiner Fahrten begegnet, dringt noch einmal ein Lichtstrahl in sein Dasein. Doch zum Rendezvous im Café erscheint sie nicht, und beim nächsten ziellosen Ausflug wird Silbermanns Aktentasche mit dem Erlös seiner Firmenanteile gestohlen. Wie ein Ausbrecher versteckt er sich in seiner eigenen Wohnung. Am nächsten Tag, auf dem Polizeirevier, auf dem er den Diebstahl des Geldes anzeigen will, wird er verhaftet.

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