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Mengele-Roman von Olivier Guez : Kernseife gegen das Blut an den eigenen Händen

  • -Aktualisiert am

Josef Mengeles alias Helmut Gregers argentinische Einreisepapiere. Bild: Picture-Alliance

„Das Verschwinden des Josef Mengele“ begibt sich auf die Spur des NS-Mediziners im argentinischen Péron-Regime. Dass der Protagonist nur flach beschrieben wird, liegt in der Natur seines Wesens.

          5 Min.

          Der Nazi-Roman ist in Frankreich ein florierendes Genre, das viel von sich reden macht. Nach frühen Anfängen – Robert Merle, „Der Tod ist mein Beruf“ (1952) – haben zuletzt Autoren wie Jonathan Littell („Die Wohlgesinnten“) oder Laurent Binet („HHhH“) Aufmerksamkeit damit erregt. Als Tendenzen kann man eine wachsende Freiheit im Umgang mit der Vergangenheit sowie eine vertiefte Reflexion auf das Verhältnis von Literatur und Geschichte ausmachen. Beiden folgt Olivier Guez nicht: „Das Verschwinden des Josef Mengele“ vermittelt den Eindruck eines nüchtern-dokumentarischen Umgangs. Auch der Appell am Ende des Romans legt nahe, es ginge dem Autor vor allem um mahnende Erinnerungsarbeit: „Immer nach zwei oder drei Generationen, wenn das Gedächtnis verkümmert und die letzten Zeugen der vorherigen Massaker sterben, erlöscht die Vernunft, und Menschen säen wieder das Böse.“

          Josef Mengele war eine Schreckensgestalt des zwanzigsten Jahrhunderts, die man in der Tat nicht vergessen sollte. Der „Todesengel von Auschwitz“ beteiligte sich begeistert und mitleidslos an der Selektion, bekämpfte Seuchen durch das Ermorden von Erkrankten und führte medizinische Experimente an Lagerinsassen durch, bevorzugt an Zwillingen. Nach Kriegsende flüchtete er nach Südamerika; vor Gericht musste er sich nie verantworten. Im Spektrum der NS-Verbrecher gehörte er zu den höflichen und gebildeten Überzeugungstätern, repräsentierte prototypisch das Oxymoron des kultivierten Barbaren.

          Helfer im Péron-Regime

          Dieser heiklen Figur nähert Guez sich in zwei Etappen: Teil eins, „Der Pascha“, erzählt die Jahre von 1949 bis 1961, die Mengele in Argentinien verbringt. Das Perón-Regime akzeptiert flüchtige Nazis als Helfer bei der Mammutaufgabe, „eine ästhetische und industrielle Revolution“ durchzuführen, um ein „plebejisches Regime“ zu errichten; sie sollen Hirnmasse, Disziplin und Technik beisteuern. Mengele tut das gern: Nach schwierigen Anfängen integriert er sich gut. Von der Familie zeitlebens gedeckt, vertritt er die Interessen der väterlichen Agrarmaschinenfirma in Südamerika. Unbehelligt kommt er zu Wohlstand und Ansehen, gilt als „Geistesgröße“, beeindruckt mit Klassikerzitaten und „seiner beinahe zeremoniellen Höflichkeit“.

          Das Tableau des Nazi-Paradieses ist erbaulich. Guez präsentiert dem Leser eine Nachkriegsgesellschaft, die nicht nur im fernen Argentinien die Greueltaten verdrängt und ihren Vorteil nimmt, wo sie ihn findet – „eine gigantische Recyclingaktion“, welche die „Abfälle der Geschichte“ gewissenlos nutzt. Die Kriegsverbrecher wiederum genießen die Gunst der Machthaber und treffen sich im Kreis des Dürer-Verlags oder privat: der Luftwaffen-Oberst Hans Ulrich Rudel, der Spion Gerard Malbranc, der Diplomat Ludolf-Hermann von Alvensleben, Goebbels’ Mitarbeiter Wilfried von Oven, der SS-Obersturmbannführer der Reserve Otto Skorzeny – alle a.D., versteht sich, alle der NS-Ideologie treu.

          Helmut Gregor, so Mengeles Tarnname, genießt das Milieu, obwohl Guez ihm letztlich egoistische Motive unterstellt: „Im Grunde hat er sich nie wirklich für Politik interessiert und trotz seiner vorgeblichen Liebe zu Deutschland und seiner Treue zum Nationalsozialismus von Kindheit an vor allem an sich selbst gedacht und einzig sich selbst geliebt.“ Das Resultat: „Gregor hat Spaß und scheffelt Geld.“ Das Ziel modifiziert sich nach seiner Heirat mit der Witwe seines Bruders, „zwar keine schöne, aber immerhin sinnliche Fünfunddreißigjährige“, die Mengele schon aus Rache am Verstorbenen mit Leidenschaft begattet: „Geld scheffeln und Martha bimsen.“

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