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Roman „Beatlebone“ : Die Urschreitherapie ist des Sängers Fluch

  • -Aktualisiert am

John Lennon im Jahr 1971 Bild: dpa

Mit näselndem Ton und prinzenhafter Überheblichkeit: Kevin Barrys Roman „Beatlebone“ lässt einen gestressten John Lennon zum Inselflüchtling werden.

          4 Min.

          Im Jahr 1967 hat sich John Lennon für 1.550 Pfund eine irische Insel gekauft. Dorinish („Dörnisch“ gesprochen) liegt unter einem Gestreusel vieler anderer kleiner Inseln in der westirischen Clew Bay. Aus dem Plan, dort ein Haus für eine friedliche weltflüchtige Gemeinschaft zu bauen, wurde allerdings nichts.

          In „Beatlebone“, dem dritten Roman des irischen Schriftstellers Kevin Barry, entwickelt Lennon im Mai 1978 plötzlich starke Sehnsucht nach seiner Insel. Er will seinem verdüsterten Ich und dem Zivilisationsplunder entkommen, will drei Tage nur mit Fischen und Felsen reden. Und „urschreien“, um Druck abzulassen und wieder den Zugang zu den Quellen seiner musikalischen Kreativität zu finden. Ein paar Jahre zuvor hatte sich Lennon (der wirkliche) von Arthur Janov, dem Erfinder der Urschreitherapie, behandeln lassen. Auf der „windgefickten, wellengeschlagenen“ Insel will er in Barrys Roman nun nachlegen.

          John Lennon als Hauptfigur? Ein Roman, in dessen Zentrum ein Superstar steht, ist riskant. Bei der Lektüre schieben sich unwillkürlich die Bilder, die man kennt, zwischen die Zeilen. Der 1969 in Limerick geborene Barry reduziert dieses Problem geschickt, indem er Lennon nicht auf den üblichen Promi-Wegen folgt, sondern in eine abseitige Episode seines Lebens, wo die Erfindung die Regie übernehmen darf. Vor allem aber ist Lennon mehr als ein Star; er ist ein Mythos. Und Mythen, bei denen die Fakten ins Fiktive verwirbeln, bilden seit je lockende Erzählvorlagen für Schriftsteller.

          Ruhe vor dem Sturm

          Die Reise nach Dorinish wird zur Tour de Force. Wieder einmal sind Lennon die Journalisten in Scharen auf den Fersen. Niemand dürfe erfahren, dass er hier draußen sei – so lautet der Auftrag an seinen Fahrer, den dämonischen Cornelius O’Grady. Mit reichlich Kinn und gefetteter Entenschwanzfrisur ist er ein Mann fürs Praktische, sei es als Makrelenfischer, Schafentwurmer oder Totengräber. Oder eben als Chauffeur, Lennon-

          Beschützer und Konterpart für lange Gespräche, die die grundlegenden Lebenstatsachen wie Liebe und Tod, Schicksal und Herkunft umkreisen.

          Unermüdlich redend, fahren Lennon und O’Grady über Land. Sie stranden in einer sinistren Kneipe, von deren Gästen man einen deutlichen Eindruck bekommt: „Eine Meute Säufer ergießt sich aus dem Pub. Die Leute sehen aus, als könnten sie ziemlich schwierig sein. Nichts als Ellbogen und Anschuldigungen.“ Später landen sie im „Amethyst“, einem ehemaligen Hotel, in dem unter der Leitung eines Gurus mit Wildschweinphysiognomie eine Kommune lautstark der Lass-es-raus-Ideologie der siebziger Jahre frönt: Sex, Zorn und Tränen. „Übers Schimpfen dringen wir ins Innerste vor, John“, meint der Guru. „Wenn man’s nicht rauslässt, vergiftet und verstopft es einen.“ Angesichts dieser Praktiken vergeht John bereits die Lust aufs Urschreien: „Ich hab nein gesagt! ... Ich bin fertig mit all dem Sichöffnen und Ausbluten.“

          Vergangenheit holt jeden ein

          Doch er blutet weiter vor sich hin auf dem Weg nach Dorinish. Ereignisse der Jugend und alte Lieben schmerzen fast wie am ersten Tag. „Wieder suppt die Vergangenheit durch; sie versteckt sich auf der Rückseite jedes Moments“ – das ist ein programmatischer Satz des Romans, der voller Flashbacks in die frühen Jahre des Musikers ist. Lennons Vater, ein Matrose, war oft abwesend. Die Mutter Julia bekam – als John fünf Jahre alt war – ein Kind von einem anderen Mann. Nach der Trennung der Eltern wuchs er bei seiner Tante auf. Kaum hatte sich das Verhältnis zur Mutter wieder verbessert, wurde Julia 1958 von einem angetrunkenen Polizisten überfahren und starb. Die Bedingungen für eine schwere Kindheit waren also übererfüllt. Es wundert nicht, dass Lennon im Gegensatz zum melodischen Genie Paul McCartney immer als der problematische, schroffere Charakter galt.

          Dorinish ist eine unbewohnte Insel in Clew Bay in der Grafschaft Mayo, Irland.
          Dorinish ist eine unbewohnte Insel in Clew Bay in der Grafschaft Mayo, Irland. : Bild: Mary Sugrue

          Kevin Barry hat sich alte Interviews mit Lennon angehört, um dessen Intonation nachzubilden – den näselnden Ton, die prinzenhafte Überheblichkeit, die Mischung aus Charme, Ungeduld und einer manchmal bitteren Schärfe. Sieht man sich auf Youtube Lennons Fernsehauftritte an, fallen darüber hinaus die Eloquenz und der Witz des Musikers auf, sein kabarettistisches Talent, wenn er etwa – mit Yoko Ono an seiner Seite – Dialoge japanischer Fernsehshows in einem Pseudojapanisch parodiert (wofür er sich heute säuerliche Twitter-Kommentare einhandeln würde). Und selbst wenn Lennon emotional aufbraust, bleibt er Herr seiner Worte. Deshalb wirkt die permanente Flucherei Lennons in Barrys Roman nicht ganz zwingend. Vielleicht stört es auf Dauer auch nur deshalb, weil „verfickte Insel“ oder „verfickte Unendlichkeit“ im Deutschen einfach weniger lässig klingt als die entsprechenden Formulierungen im englischen Original.

          Nicht ganz überzeugend erscheint auch die Form der kurzen Absätze. Oft bestehen sie nur aus einzelnen Sätzen, die durch Leerzeilen bedeutungsvoll voneinander abgerückt werden. Das sorgt für eine gewisse lyrisch-dramatische Strenge, manchmal wirkt es allerdings auch so, als wollte Barry die Dialoge gewichtiger erscheinen lassen, als sie es sind.

          Ein Buch zum Mitfühlen

          Die Handlung ist in diesem Roman Nebensache. Sein Reiz besteht in den schroffen poetischen Beschreibungen von Menschen und Landschaften, von Himmel, Hügeln, Meer und Wetter. Ein baufälliges Bauernhaus hängt „wie ein Geschwür am Berg“, eine „Straße entrollt sich wie eine schwarze Zunge und schleckt an der Nacht“. Kevin Barry gelingen viele prägnante Bilder, etwa wenn er seinen Helden als „falkengesichtigen John“ bezeichnet. Seine sinnliche, verspielte, klangvolle Sprache, mit Liebe zum Detail übersetzt von Bernhard Robben, erinnert mitunter an einen anderen Iren: James Joyce. Das wird besonders deutlich, als Lennon endlich auf seiner gottverlassenen Insel ankommt: eisige See, überall cremeweißer Möwenkot, rutschige Felsen und klackernde Kiesel. Dazu ein Wind, der einem die Augenbrauen hochzieht. Was will er hier? Er lässt sich ganz in seine innere Welt treiben. Und träumt von einem neuen Album mit dem Titel „Beatlebone“. Der gleichnamige Roman ist Lesern zu empfehlen, die keine Lennon-Doku-Fiction erwarten, sondern bereit sind für eine ungewöhnliche psychedelisch-poetische Reise. Wie heißt es doch im Lied über die ewigen Erdbeerfelder? „Nothing is real.“

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