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Roman aus Sri Lanka : Im allerengsten Erzählraum

Ein Wesen ohne Persönlichkeit

Die Gegenwart dieser Frau, von der Dinesh nichts weiß, ermöglicht ihm, ein Stück zurückzublenden. Bisher bewegte er sich im Augenblick, doch während Ganga schläft, kommt die Erinnerung an den Tod seiner Mutter über ihn, an die beiden Taschen, die sie auf die Flucht mitgenommen und die er neben ihrer Leiche abgestellt hatte, nachdem sie von Granatfeuer getroffen war. Seitdem besitzt er nichts mehr, liest nur hin und wieder etwas auf, das andere zurückgelassen haben, bis auch er diesen Gegenstand, einen Türknopf etwa, seinerseits liegen lässt. Ganga aber hat eine Tasche mitgebracht, die er leise öffnet. Darin findet er ein Stück Seife, eine Schere, einen Kamm. Und beschließt, sich zu waschen.

Zum Brunnen ist ein Weg zurückzulegen. Über die Lichtung, ein Stück durch den Dschungel bis fast zur Krankenstation. Das ist der Bewegungsradius, in dem Arudpragasam findet, wovon er erzählen will: wie der Krieg, die Gewalt, die Flucht, die Verluste aus einem Menschen ein Wesen ohne Persönlichkeit machen, ohne Profil jenseits des vorübergehenden Überlebens und des sicheren Todes, und wie dieser Mensch im Kontakt zu einem anderen Menschen etwas von seinem früheren Ich möglicherweise wiederfindet, und zwar in so einfachen Verrichtungen wie dem Schneiden der Finger- und Fußnägel und vor allem in dem Gedanken daran, die eigene Gegenwart für einen anderen Menschen angenehm zu machen. Der Titel des Romans verrät, dass es dennoch keine Zukunft gibt.

Die Wahrnehmung scharfgestellt, die Gefühle tot

Anuk Arudpragasam ist 28 Jahre alt. Er stammt aus Colombo in Sri Lanka, studiert aber im Augenblick in New York. Entstanden ist dieser Text aus Verzweiflung, so erzählte er in einem Interview. Über die letzten Monate des Bürgerkriegs drangen keine Nachrichten nach draußen. Erst später zirkulierten Videos und Fotos, die das entsetzliche Morden in der Gegend von Jaffna zeigten. Dorthin hatten Regierungstruppen die Tiger zurückgedrängt, die sich ihrerseits gemeinsam mit den Zivilisten immer weiter zurückzogen, bis sie schließlich ein Gebiet besetzten, das nicht größer war als der Central Park. 300.000 Menschen waren dort zusammengepfercht, und unter den Bomben der Regierungstruppen starben 40.000. So erzählt es der Autor, der selbst privilegiert aufgewachsen ist und weiß: Er hat Glück gehabt.

Dieses Buch ist ein ganz besonderes Epitaph, geschrieben von einem Hochbegabten, der verstehen will und sich deshalb in den Kopf eines Mannes versetzt, den er erfunden hat, um die Verheerung des Kriegs zu begreifen. Er scheut sich nicht vor den ganz großen Metaphern und haut deshalb manchmal daneben (wenn eine Tote den „Boden küsst“ etwa). Aber das fällt kaum ins Gewicht. Arudpragasam dringt vor an einen Punkt kreatürlicher Existenz, an dem die Wahrnehmung scharfgestellt ist, aber die Gefühle nahezu tot sind. Bis sie für einen kurzen Moment aufleben. Einem Augenblick von Hoffnung, bis er wieder erlischt. Ein erstaunliches Buch, zum Wiederlesen.

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