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Rolf Vollmanns Nacherzählungen : Parzivals leicht wirrer Übermut

Weil das Abenteuer hinter jeder Ecke lauert, ist ein Ritter gut beraten, wenn eine Frau ihm beisteht, wie Gustave Doré weiß. Bild: Alamy

Artus und kein Ende: Rolf Vollmann liest mittelalterliche Romane und findet in ihnen eine Welt von hoher Schönheit und zeitlosem Witz.

          3 Min.

          In einer schönen Sommernacht besucht Gawein, Neffe und Lieblingsritter von König Artus, seinen Freund Iwein auf dessen Burg. Die hat Iwein unlängst dem König Askalun abgenommen, den er erschlug und dessen Witwe Laudine er geheiratet hat. Nun sitzen die Ritter zusammen und leeren den Weinkeller des Toten, bedient von der schönen Mirena, die vom Schwarzen Meer hierher gelangt ist. Gawein erzählt Iwein von ihrem gemeinsamen Freund Erec, wie der sich in großer Not mit der schönen, aber ebenfalls notleidenden Enite zusammengetan hat, als Turniersieger einen strahlenden Aufstieg am Hof von König Artus erlebte und dann über Enite alle Pflichten als Herrscher vergaß, bis das Paar aufs Neue in Schande geriet.

          Tilman Spreckelsen
          (spre), Feuilleton

          So eine Szene in Rolf Vollmanns Buch „Frauenkatalog 1200, in zehn Bildern“, das dieser Tage erscheint, und wer in der Artus-Epik bewandert ist, erkennt die Situation wieder. Mit dem Unterschied, dass in der Vorlage, dem „Iwein“ des Hartmann von Aue, die Szene nur eine knappe Episode ist – Gawein warnt den Ritter Iwein vor einem ähnlichen Schicksal, der Freund solle also nicht zu Hause bei seiner schönen Frau Laudine hocken, sich nicht „verligen“, sondern rittergemäß in die Welt hinausziehen und sich im Kampf bewähren.

          Ein ebenso gelehrter wie mitreißender Ausleger

          Bei Vollmann aber erwächst aus dieser Warnung eine Nacherzählung des gesamten Erec-Stoffes, mit der hübschen Pointe, dass Iwein unterdessen einschläft, wohl weil er dem Wein zu sehr zugesprochen hat, und Gawein und Mirena tragen ihn ins Bett. Die Nacht aber ist viel zu schön, Mirena möchte wissen, wie es mit Erec weitergegangen ist, und so erzählt Gawein vom letzten großen Abenteuer, das Erec besteht: Er erlöst einen Ritter aus langjähriger Liebesgefangenschaft, indem er ihn im Zweikampf besiegt.

          Rolf Vollmann: „Frauenkatalog 1200, in zehn Bildern“. Die Andere Bibliothek, Berlin 2020. 300 S., geb., 44,– €.
          Rolf Vollmann: „Frauenkatalog 1200, in zehn Bildern“. Die Andere Bibliothek, Berlin 2020. 300 S., geb., 44,– €. : Bild: Die Andere Bibliothek

          Der Tübinger Autor Rolf Vollmann, Jahrgang 1934, hat sich einen Namen als ebenso gelehrter wie mitreißender Ausleger und Nacherzähler literarischer Werke gemacht, allen voran mit seinem „Roman-Verführer“ unter dem Titel „Die wunderbaren Falschmünzer“ oder auch mit dem Kompendium „Shakespeares Arche“, einer Art erzähltes Lexikon der Stücke und Figuren des englischen Autors.

          Damit sie weiterlesen kann

          Mit dem „Frauenkatalog“ knüpft Vollmann nach langer Pause in gewisser Weise daran an. In einer ausgedehnten Begehung des fiktiven Reichs von König Artus werden Szenen und Konstellationen aus den mittelalterlichen Romanen „Erec“, „Iwein“, „Parzival“, „Titurel“ und „Willehalm“, aus dem „Eneasroman“ und dem „Prosalancelot“ beleuchtet, allerdings als ein Tableau, das auch entlegene Dinge erzählend miteinander verknüpft, das die Stoffe auflöst und neu zusammensetzt und an die Stelle isolierter Beobachtungen den mäandernden Überblick setzt.

          „Geschichten erzählen hören, das ist ihr Ding und wie für sie erfunden, die schöne Ginover, Königin im Artusland“ – so hebt sie an, Rolf Vollmanns Neudichtung des schönsten und wirkmächtigsten mittelalterlichen Mythos. Tatsächlich geht es ums Erzählen, das ist der rote Faden des Buches, ob nun explizit durch Kommentare des Erzählers („Es ist wie fast immer, Erklären bringt nichts, man kann, man soll wohl doch nur erzählen“, heißt es einmal) oder dargestellt am Beispiel der Figuren: „Veldeke sagt, nicht daran war Dido gelegen, was Eneas ihr erzählte, sondern dass ers tat.“ Und aus Wolframs „Titurel“-Fragment übernimmt Vollmann die Lesewut der Sigune, die um der Fortsetzung einer unterbrochenen Lektüre willen sogar ihren Liebsten in den Tod schickt.

          Ein berechtigtes Misstrauen

          Solche und andere Beispiele zeigen, dass Vollmann sich mit seinem klaren Blick auf das Erzählen an sich fest auf dem Boden der Artus-Welt befindet, dass er sensibel aufnimmt und für den eigenen Text nutzbar macht, was er in den Vorlagen antrifft. Das gilt noch mehr für seinen Stil, der etwa Wiederholungen glücklich zur Vertiefung und Erweiterung des bereits Erzählten einsetzt, oder wenn er, darin vor allem Wolfram ähnlich, angeregt von dem, was er erzählt, abschweift und auf seine eigenen Lebensumstände zu sprechen kommt. So flicht auch Vollmanns Erzähler ein, was die Rittergeschichten mit ihm selbst zu tun haben, wie sie Erinnerungen wecken etwa an die Flucht aus dem Osten in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs (im gelähmten Großvater spiegelt sich Anchises, der Vater des Eneas, in Heinrich von Veldekes „Eneasroman“) oder an jüngste Reisen durch Frankreich auf der Suche nach Zeugnissen der Zeit, in der Hartmanns oder Wolframs Werke entstanden sind. Und auch das Stilmittel der eingestreuten Sentenzen übernimmt er, nur dass Vollmanns Erzähler einen zögernden, fragenden Ton anschlägt, als ob uns in den achthundert Jahren seitdem die Sicherheit abhandengekommen wäre.

          Dabei gelingen ihm hübsche Charakterisierungen, etwa des jungen Parzival – „im Ton des leicht wirren Übermuts, den wir von ihm schon kennen“ –, er springt locker von Erec zu Parzival und weiter zum Falkenlied des Kürenberger. Vollmann wirft die Chronologie gern um, beweist damit Gespür für mittelalterliches Erzählen, in dem die Zeit eher eine Fläche bildet als einen Strahl, und führt elegant und beiläufig zu den Schönheiten des Mittelhochdeutschen, indem er Zitate in Originalsprache in seinen Text webt. Und das Misstrauen, das er dem Gral und der Gralssuche entgegenbringt, ist auf der Ebene der Geschichten nur zu berechtigt.

          Seine Mirena aber lässt er beim Abschied zu Gawein sagen: „Wenn du dann gehst, komm wieder mit neuen Geschichten, ich glaub, das kannst du unbesorgt versprechen.“ Darauf möchte man wetten.

          Rolf Vollmann: „Frauenkatalog 1200, in zehn Bildern“. Die Andere Bibliothek, Berlin 2020. 300 S., geb., 44,– €.

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