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Robert Seethalers neuer Roman : Gustav Mahler, ein Höllenhund am Pult

  • -Aktualisiert am

Gustav Mahler, österreichischer Komponist und Dirigent, in den 1900er Jahren Bild: Picture-Alliance

Robert Seethalers neuer Roman „Der letzte Satz“ schafft es auf die Longlist des Deutschen Buchpreises. Darin bricht Gustav Mahler zu seiner letzten Fahrt auf. Der Autor lässt jedoch Tiefe vermissen.

          3 Min.

          Ein Schiff, schwebend zwischen Himmel und Meer, preist Herder in seinem Reisejournal 1769 als ideale Sphäre des Denkens. Nirgends ist der Geist so frei, die Zeit scheint aufgehoben, der Mensch sieht sich nur den Elementen gegenüber. Der Literatur bietet dieser Ort eine perfekte Bühne. Robert Seethaler überlässt sie in seinem neuen Roman „Der letzte Satz“ dem Komponisten Gustav Mahler. Nach erfolgreichen Jahren als Chef der Metropolitan Opera und der New Yorker Philharmoniker befindet er sich im Frühjahr 1911 auf dem Rückweg nach Wien, wo er kurz darauf stirbt.

          Diese Überfahrt ist zum einen der letzte Satz einer dramatischen Lebenssymphonie. Zum anderen verweist der Titel auf den Satz „Ich sollte noch ein bisschen bleiben“, den Seethaler dem Komponisten zum Schluss in den Mund legt. Er will noch etwas allein an Deck bleiben, sich seinen Gedanken, Erinnerungen, Selbstgesprächen überlassen, und abtreten mag er schon gar nicht. Schließlich ist er erst ein Mann von fünfzig Jahren. Diese existentielle Situation erfasst der schmale Roman mit der für Seethaler eigentümlichen Prägnanz, Kürze und Kunst der Verdichtung. Bewiesen hat er sie bisher vor allem mit dem Erfolgsbuch „Ein ganzes Leben“ wie zuvor schon mit dem Roman „Der Trafikant“.

          Vor allem an dieses 2012 erschienene Buch mit seinem höchst ironischen literarischen Porträt des alten Sigmund Freud, der den offensichtlichsten Fragen eines kleinen Ladenjungen über die Geheimnisse der menschlichen Seele nur recht stockend und ausweichend antworten kann, knüpft das neue Buch an. In „Der letzte Satz“ steht abermals ein großer jüdischer Vertreter der Wiener Moderne im Zentrum, der gleichfalls in einem scheinbar naiven Schiffsjungen einen wichtigen Gesprächspartner findet und noch dazu kürzlich Freud mit seinen Eheproblemen aufgesucht hatte. An dessen Blitzanalyse an einem einzigen Nachmittag im August 1910, zu der Mahler eigens von Wien nach Leiden reisen musste, denkt der Komponist auf dem Schiff wie an viele andere zentrale Episoden seines Lebens zurück. Insgesamt stehen diese Erinnerungsschübe in Form von Gedankenströmen und Dialogen im Vordergrund; das minimale Geschehen auf dem Schiff bildet dafür lediglich einen Rahmen.

          Robert Seethaler: „Der letzte Satz“. Roman. Hanser Verlag, München 2020. 126 S., geb., 19,– .
          Robert Seethaler: „Der letzte Satz“. Roman. Hanser Verlag, München 2020. 126 S., geb., 19,– . : Bild: Verlag Hanser Berlin

          So lässt Seethaler die Lesenden ins Leben des Komponisten eintauchen, der zugleich „der größte Dirigent seiner Zeit“ war, „eine Art Höllenhund am Pult“. Als Erster Kapellmeister und Direktor des Wiener Opernhauses, in dem er 1897 gleich mit Wagners „Lohengrin“ antrat, bannte er sein Publikum. Man wollte „diesen kleinen, zappeligen Juden sehen, der es aus unerfindlichen Gründen geschafft hatte, das beste und störrischste Orchester der Welt zu disziplinieren“. Auch wenn Seethaler – zum Glück – sicher keinen historischen Roman schreiben will, hätte man gerne mehr über Mahlers musikalische Visionen und Eigenarten erfahren – über seine Orientierung an Wagners Idee des Gesamtkunstwerks, seine innovative Beteiligung an der szenischen Gestaltung oder die Haltung gegenüber Arnold Schönberg und Alban Berg. Die naheliegende Frage des Schiffsjungen nach dem Wesen seiner Kompositionen tut Mahler im Roman allzu leichtfertig ab, wenn er Musik nicht nur für sprachlich unfassbar erklärt, sondern sogar für schlecht, sollte sie tatsächlich beschreibbar sein.

          Statt Mahlers Kunst weiter zu vertiefen, verlegt Seethaler sich stärker auf dessen Leben. Vor allem das schwierige Verhältnis zu Alma, „der schönsten Frau Wiens“ und Muse vieler Künstler, bietet dankbare Erzählstoffe. Mahler verlangt einerseits von ihr, das eigene Komponieren aufzugeben, andererseits ergibt er sich der resoluten Frau fast rückhaltlos. Vor allem im Zeichen glühender Eifersucht, als sie sich mit dem „Baumeister“ zu treffen beginnt, Walter Gropius also, den sie nach Mahlers Tod auch heiraten wird. Bei allem berechtigten Lob für die Schönheit des Einfachen und Schlichten, wirkt das manchmal doch ein wenig konventionell. Auch so mancher Protokollsatz über Wolken, Wind und Meer – „Die Schönheit des Sonnenaufgangs hatte ihm Tränen in die Augen getrieben“ – klingt biedermeierlich und wäre entbehrlich gewesen.

          Stark ist die Szene bei Rodin in Paris, der zum Fünfzigsten von Mahler dessen Büste anfertigen soll. Diese Begegnung zwischen dem Lehmkugeln formenden Bildhauer und dem unruhigen Komponisten, der kaum still sitzen kann, reicht fast an jene Komik heran, die sich in „Ein ganzes Leben“ findet. Man erinnere sich nur an den halbtoten Hörnerhannes, der auf dem Weg ins Tal aus der Holzkraxe auf Eggers Rücken springt und im Schnee verschwindet. Mittlerweile hat sich Seethaler von diesem Sinn für groteske Situationen zunehmend entfernt. Schon mit der Friedhofsgenealogie „Das Feld“ aus dem vorletzten Jahr waren sein Blick und Ton melancholischer, sanfter, gesetzter geworden. Thomas Bernhards Immanuel Kant aus dem gleichnamigen Stück, den wir in Gegenrichtung auf einem Schiff nach New York in grotesk-komische Faseleien versponnen erleben, steht Seethalers Gustav Mahler auf einer Skala des Bizarren am anderen Ende gegenüber. Entstanden ist so ein Buch, das man zwar gerne liest, dem man aber etwas mehr Überraschung, Irritation und Verstörung nicht verargt hätte.

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