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Robert Musil: Gesamtwerk auf DVD : Ein Jahrhundertwerk ist endlich verlinkt

  • -Aktualisiert am

Bild: Robert Musil Institut

Auf dem Weg zur totalen Edition: Die Klagenfurter DVD-Ausgabe des Gesamtwerks einschließlich des Nachlasses ist der Traum jedes Robert-Musil-Lesers.

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          Als hätten sich James-Bond-Erfinder Ian Fleming und der Marquis de Sade zusammengetan: Da wählt ein „Mensch ohne Gewissen“ für sich die Lebensform des Verbrechers. Als „Sexualiker“ steht er vor allem auf ältere Frauen, einmal beißt er einer von ihnen beim Küssen die Zunge ab. Während er diese noch „dick im Munde“ fühlt, ist die „unglückliche arme Frau ... eine weiße, blutende ... um den taumelnden Rumpf eines Lautes kreiselnde Masse“. In Galizien übergibt der Protagonist als Spion österreichische Staatsgeheimnisse an russische Mittelsmänner. Und prostituiert seine Schwester, mit der ihn ein inzestuöses Verhältnis verbindet, rücksichtslos an Offiziere. Am Ende begeht er quasi Selbstmord, indem er in den Krieg geht.

          Dass aus diesem kruden Motivhaufen einmal eines der bedeutendsten Werke der Literaturgeschichte werden würde, hätte außer dem Autor wohl niemand vermutet. An die zwanzig Anläufe unternahm der Kriegsheimkehrer Robert Musil nach 1918, um unter wechselnden Titeln die eben erlebte europäische Katastrophe, die auch seine ganz persönliche war, zu verarbeiten: „Treppen“ für das schon damals „auseinanderstrebende Ideenmaterial“, die meist nach wenigen „Stufen“ beziehungsweise hundert Seiten im Nirgendwo endeten. Drei dieser Urfassungen des Jahrhundertromans „Der Mann ohne Eigenschaften“ haben sich, mehr oder weniger vollständig, im gigantischen Nachlass des 1942 gestorbenen österreichischen Romanciers erhalten, als verstreute Notizen und Überlegungen, Skizzen und Kapitelentwürfe.

          Summe der Editionsgeschichte

          Dass „Der Spion“, „Der Erlöser“ und „Die Zwillingsschwester“ nun erstmals, soweit noch rekonstruierbar, als eigenständige Romanfragmente lesbar sind, ist nur einer der vielen Vorzüge einer neuen Gesamtausgabe in zwanzig „Bänden“. Gänsefüßchen deshalb, weil diese vorerst nur virtuell vorliegen: Die vom Klagenfurter Robert-Musil-Institut vorgelegte Edition sämtlicher Werke, Briefe und nachgelassener Schriften ist eine digitale. Mit ihr kommen sechs Jahrzehnte Editionsgeschichte an ein vorläufiges Ende: angefangen von Martha Musils Fortsetzungsband von 1943 über die beiden verdienstvollen, aber an den Grenzen des Mediums Buch scheiternden Ausgaben von Adolf Frisé von 1952 und 1976–81 bis zur praktisch unlesbaren und technisch unzulänglichen Nachlass-CD-Rom von 1992.

          Und doch wies diese Pionierarbeit aus der Steinzeit elektronischen Edierens den Weg: Denn dass Musils Nachlass letztlich nur in digitaler Form vermittelbar sein würde, ja, dass Musil selbst nichts nötiger gehabt hätte als einen Computer, ist seit langem ein Topos der Forschung. Um seinen großen Roman, von dem der erste Band 1930, eine Fortsetzung 1932 erschien, zu vollenden, schleppte dieser „König im Papierreich“ (Hermann Broch) seine Mappen und Tagebuchhefte überall mit: von Wien nach Berlin, von Berlin wieder zurück nach Wien, von dort ins Exil erst nach Zürich, dann nach Genf. Ein über Jahrzehnte hinweg entstandenes, tatsächlich aber synchron strukturiertes Schriftlabyrinth aus Entwürfen und Verworfenem, Beobachtungen und Reflexionen, fast sechzig Mappen, vierzig Hefte, mit über 11 000 Seiten: kein Privatarchiv zum Nachweis lebenslanger Schreibtischfron, sondern ein hochmoderner „Brennofen“ (Musil) zur Erzeugung einer Literatur, die im Zeitalter Freuds und Einsteins noch bestehen konnte. Der think tank eines Dichter-Ingenieurs und promovierten Experimentalpsychologen, der statt fertiger Texte alternative Romanrealitäten produzierte: „immer neue Lösungen, Zusammenhänge, Konstellationen“, „lockende Vorbilder, wie man Mensch sein kann“.

          System aus Querverweisen

          Um sich zwischen all seinen Ideen- und „Schmierblättern“, alternativen Kapitelaufbauskizzen, mit Korrekturen übersäten Reinschriften, Blättern mit Formulierungsversuchen, Selbstkommentaren und Materialien noch bewegen zu können, überzog Musil seine Romanapparatur mit einem System aus Querverweisen. Etwa 100 000 kryptische Verweissiglen wie „II R Fr 5, Blge 2, S 2“ oder „Schm b Tge 8 S 6“ verbinden hier, quer zur Entstehungsgeschichte, alles mit allem: erste Skizzen aus der Zeit der Jahrhundertwende mit Arbeiten an den Garten-Kapiteln aus den Jahren im Schweizer Exil. Ein ausgeklügeltes Hyperlinksystem avant l’internet das in der Klagenfurter Ausgabe in digitaler Form realisiert wurde.

          Das, was die Herausgeber Walter Fanta, Klaus Amann und Karl Corino jetzt vorlegen, ist der DVD gewordene Traum eines jeden Musil-Maniacs und dazu ein Paradies für Textgenetiker und Kreativitätspsychologen. Die mehr als sieben Gigabyte Daten enthalten noch den letzten Fitzel Musilscher Schrift, bis hin zum Zigarettenheftchen aus den letzten Lebensjahren. Die Klagenfurter Ausgabe will nichts weniger sein als eine aufs Totale abzielende Edition, steht also in Sachen Anspruch und Aussicht auf Vollendbarkeit ihrem Gegenstand nur wenig nach.

          Surfen durch das Musil-Universum

          Während sich etwa die Kafka-Philologie darüber streitet, ob sie sich nun dem „Process“ in seiner transkribierten Form oder, puristisch, als Faksimile von Kafkas Schrift widmen soll, bietet die Klagenfurter Ausgabe gleich drei Zugänge zu Musil, zwischen denen man per Mausklick nach Belieben wechseln kann: vom Lesetext zur Transkription und von dieser zur Bilddatei des entsprechenden Nachlassblattes.

          Dieser dritte Zugang ermöglicht, die erstaunliche Bildwirkung von Musils Manuskripten zu erfahren. „Man sollte“, hatte er einmal über seinen Novellenband „Vereinigungen“ geschrieben, „zwischen Glasplatten ein paar Seiten davon ausbreiten und sie von Zeit zu Zeit wechseln. Dann würde man sehen, was es ist.“

          Lost in Musil

          Die konsequent auf Hyperlinks setzende Ausgabe verknüpft autorisierte Werke, apokryphe Nachlasstexte und Kommentar, ermöglicht also ein unbegrenztes Surfen durchs Musil-Universum – und führt über dessen Grenzen hinaus zu Kontexten, etwa zu Exzerpten aus philosophischen oder psychologischen Werken, die dieser Poeta doctus in seinen Texten verarbeitet hat. Lost in Musil, kann man da nur sagen. Zumal sich die Klagenfurter Ausgabe trotz ausgefeilter Suchfunktionen in der Praxis noch als work in progress erweist: Noch führt nicht jeder Link an ein Ziel, wie die Herausgeber selbst eingestehen; nicht jeder Terminus oder Name, trotz offensichtlichen Erklärungsbedarfs, ist bislang kommentiert, weshalb einstweilen die Kommentare von Adolf Frisé oder Helmut Arntzen weiterhin unentbehrlich sind.

          Lücken beim Verknüpfen

          „Hatte der antike Mensch seine Szylla und seine Charybdis“, beginnt Musil etwa seine Glosse „Der bedrohte Ödipus“, „so hat der moderne Mensch den Wassermann und den Ödipus.“ Die für heutige Leser nicht erkennbare Pointe, dass mit „Wassermann“ gerade nicht die mythologische Figur und auch nicht Musils Kollege Jakob Wassermann gemeint ist, sondern der Mediziner August Paul von Wassermann, der einen Syphilis-Nachweis entdeckte, wäre durch eine simple Verknüpfung zum Personenregister, wo dieser Forscher durchaus verzeichnet ist, verstehbar gemacht. Und in Musils Brief an Paul Wiegler vom 21. Dezember 1906 zu den Verwirrungen des Zöglings Törless wird zwar der Terminus „Päderastie“ erklärt, nicht aber der interessantere der „Bisexualität“, lässt dessen Verwendung doch vermuten, dass Musil den just 1906 unter anderem in Karl Kraus’ „Die Fackel“ ausgetragenen Streit darüber, wer als Erster die Bisexualität entdeckte, Freud, Wilhelm Fließ oder Otto Weininger, verfolgt haben könnte.

          Zuverlässig klärt dagegen der in jahrelanger Sisyphusarbeit entstandene Kommentarteil darüber auf, wie die abertausend Nachlassseiten genetisch und konzeptionell miteinander verflochten sind. Während es aber zu Musils Buch- und Theaterkritiken zusätzlich hilfreiche Einführungstexte gibt, haben die Herausgeber auf die Kommentierung der autorisierten Werke, des „Törless“, der „Drei Frauen“ und so weiter, unverständlicherweise völlig verzichtet, wäre diese „hier in jedem Fall Ausdeutung – und Interpretationen zu geben ist nicht die Aufgabe von Editoren“, so Walter Fanta.

          Updates sind möglich

          Der Vorzug einer digitalen Edition ist freilich auch, dass Updates möglich sind: Ein erstes ist bereits für Ende 2011 angekündigt und soll interaktive Funktionen beinhalten. Oder sollte man die Klagenfurter Ausgabe besser gleich ganz ins Netz stellen, auf dass die Schwarmintelligenz der Musil-Community ein immer vollständigeres „Musilpedia“ entstehen lässt? Mit alternativen Lesetexten gar? Diese sind die eigentliche Sensation der Klagenfurter Ausgabe: Was Musil auf Studienblättern als Matrix für geplante, aber nie ausgeschriebene Kapitel in kryptisch-chiffrierter Form entwarf, wird in der Klagenfurter Ausgabe erstmals in lesbare Form gebracht.

          Ein Finale des wohl berühmtesten Romantorsos der Literaturgeschichte, extrahiert aus allen Entwürfen und Varianten, wäre somit erstmals rekonstruiert. Ob der Editor hier nicht die Grenze zur Co-Autorschaft überschreitet, ist eine Frage für die Forschung. Aber ob wirklich „alle Linien in den Krieg“ führen, wie Musil ankündigte, und vor allem, wie die „letzte Liebesgeschichte“ ausgeht, ob Ulrich und Agathe es nun endlich tun oder nicht oder ob sie weiter nur, in ihren Gartenstühlen liegend, von der Liebe reden: Hier gibt es endlich Antworten. Oder doch nur weitere „Lösungen, Zusammenhänge, Konstellationen“?

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