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Robert Louis Stevenson: Die Ebbe : Vergrippt, vergrätzt, verkannt

Bild: Verlag

Er wusste nicht, was er schrieb, aber er tat es großartig. „Die Ebbe“ ist Robert Louis Stevensons moralisch radikalster Roman. Jetzt ist dieses späte Meisterwerk in neuer Übersetzung zu entdecken.

          3 Min.

          Bisweilen muss sich Robert Louis Stevenson gefühlt haben wie ein Prophet, doch er wird nicht glücklich darüber gewesen sein. Als 1892 auf der Inselgruppe Samoa, wo der schottische Schriftsteller seit zwei Jahren lebte, um seine Lungenkrankheit zu lindern, eine von europäischen Seeleuten eingeschleppte tödliche Grippe unter den Einwohnern ausbrach, fand er darin ungewollte Anschauung zu einem Roman, an dem er gerade schrieb: „The Ebb-Tide“. Darin spielt eine Grippeepidemie in der Südsee eine entscheidende Rolle, denn als ein von drei Abenteurern gekapertes Schiff ein auf keiner Karte verzeichnetes Atoll anläuft, sind dort nur noch vier Menschen am Leben. Und es beginnt ein Kampf um die Schätze der Insel.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Stevenson wäre indes nicht der Schriftsteller, als den wir ihn heute schätzen, wenn er es auf diesen Kampf beschränkt hätte. „Die Ebbe“, wie sein 1894, dem Jahr seines dann doch vorzeitigen Todes, erschienener Roman auch in der Neuübersetzung von Klaus Modick heißt, erzählt noch mehr von einer Schlacht um die Seelen - und das ist Stevensons großes Thema von seinem ersten Erfolg „Die Schatzinsel“ (1883) über „Dr.Jekyll und Mr. Hyde“ (1886) bis zu dem erst postum publizierten Roman „St.Ives“, der vor zwei Jahren von Andreas Nohl erstmals komplett übersetzt wurde. Moralische Fragen trieben diesen als bloßen Abenteuerschriftsteller missverstandenen Autor an, und „Die Ebbe“ ist das Buch, in denen er diesbezüglich am radikalsten Stellung bezog.

          Gleiche Resultate

          Es ist auch eines jener Bücher, die er gemeinsam mit seinem achtzehn Jahre jüngeren Stiefsohn Lloyd Osbourne schrieb. Das gemeinsame Herumirren der beiden Engländer Herrick und Huish sowie des amerikanischen Kapitäns Davis im Roman spiegelt die Erfahrungen der Familie Stevenson auf der Suche nach einem endgültigen Domizil in der Südsee wider. Zwei Jahre lang trieb es sie von Insel zu Insel, nach Australien und wieder zurück, bis Upolu, die Hauptinsel Samoas, zum endgültigen Domizil wurde. Dort erlangte Stevenson seine Kräfte zurück und übernahm die Hauptarbeit an „Die Ebbe“, mit der sein Stiefsohn zu scheitern drohte. Außerdem war Stevensons Name besser zu vermarkten.

          Diesen Kredit beim Publikum nutzte er zu einer Erzählung, die keinen einzigen sympathischen Protagonisten hat. Mag man es zunächst noch mit dem wankelmütigen Herrick halten, der als Abkömmling einer guten Familie ins Elend fiel, so wird bald klar, dass auch dieser junge Mann seinen älteren Leidensgenossen Huish und Davis in Skrupellosigkeit nicht nachsteht. Nur ihre jeweiligen Motivationen sind verschieden, doch Stevenson sieht auf das Resultat: Es ist gleich.

          Ein Autor mit prophetischer Gabe

          Eine Hälfte des Buchs lang versucht das Trio, sich von Tahiti davonzumachen, in der zweiten landet es auf jener unbekannten, aber bevölkerten Insel, wo die drei ihren Meister finden: den religiös motivierten Perlenfischer Attwater, der hier mit der Hilfe der Insulaner einen gewaltigen Reichtum angehäuft hat. Er ist ein Kolonialherr, wie er im Buche steht - nicht nur in Stevensons oder Joseph Conrads Romanen, die einige solcher Herren bieten, sondern auch in den Schriften Calvins, dessen Protestantismus das Ethos bietet, nach dem Attwater lebt, oder in den Geschichtsbüchern. Stets die Rede vom Herrn im Himmel im Munde, aber den eigenen Kopf selbst so weit in den Wolken, dass kein Blick für diejenigen bleibt, die weiter unten stehen. Attwater ist die Figur, die am gespenstischsten erscheint, weil seine Kaltblütigkeit so gar nicht zum heißen Herzen passt, mit dem er predigt.

          In ihm hat Stevenson eine höchst moderne Figur geschaffen, und selbst sein bekennender Verehrer Gilbert K. Chesterton wandte sich mit Grausen von ihr ab, weil der überzeugte Katholik einen solchen Christenmenschen nicht ertragen mochte. Der Rezeption des Romans hat der Abgrund an menschlicher Niedertracht, den seine vier Protagonisten vorführen, immer geschadet, doch dieses Buch entstammt nun einmal der Feder eines Autors, der prophetische Gaben hatte. „Die Ebbe“ gehört bereits dem zwanzigsten Jahrhundert an, einer Literatur, die den Blick in existenzielle Nichts wagt.

          Das Ringen der Menschen mit den Menschen

          So ist das glückliche Ende (das Stevenson als solches wohl auch gemeint hat) ein vergiftetes, in dem jener Teil triumphiert, der viel gefährlicher ist als der unterlegene. Was auch Rudyard Kipling heute wider dessen eigene Überzeugungen so modern wirken lässt, der kühle Blick auf die Hitze eines Fin de Siècle, in dem Rassendünkel, Kapitalismus und Revolution jene unheilvolle Mischung schufen, die dann im neuen Jahrhundert explodieren sollte, das macht Stevensons Kunst in diesem Buch aus. Er wusste nicht, was er schrieb, aber er tat es großartig.

          Wie er dann die Grippewelle, die sein geliebtes Samoa verheerte, in die Handlung einbettete, ohne sie zum Mittelpunkt des Geschehens zu machen, das zeigt einen Meister am Werk, der große Dramen zum Gegenstand noch größerer machen kann und sie darum nur beiläufig streift - so intensiv eben, wie es die Handlung verträgt, ohne außer Kurs zu geraten. Denn Stevenson erzählt eine Parabel. Es ist das Ringen der Menschen mit den Menschen, nicht mit der Natur, was hier als wahres Drama erscheint. Prophetisch, fürwahr.

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