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Robert Gernhardt: Toscana Mia : Tagebücher aus der Toscana

Bild: Verlag

Fischzug durch die Brunnen-Hefte: Mit „Toscana Mia“ ist der erste Band erschienen, der Robert Gernhardts umfangreichen Nachlass erschließt. Aber auch Banales fand Eingang in das Buch - und die Kommentierung lässt zu wünschen übrig.

          Es war eine folgenreiche, geradezu identitätsstiftende Entscheidung: Im Jahr 1972 kaufte Robert Gernhardt, ehemaliger Redakteur der Satirezeitschrift „pardon“ und nun freier Schriftsteller in Frankfurt am Main, gemeinsam mit dem Kollegen Hans Traxler und Freunden ein altes Bauernhaus in der Toskana, das Ospedale di Montaio in der Gegend von Arezzo. Vierunddreißig Jahre lang, bis zu seinem Tod 2006, verbrachte Gernhardt nun regelmäßig große Teile des Jahres dort und wurde allmählich zu etwas, dass es bei seiner Ankunft noch gar nicht gegeben hatte: einem Toskana-Deutschen.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Zehn Jahre nach der Ankunft, die ersten Umbauten an dem alten Gemäuer sind beendet, die Aufenthalte werden länger, und der Arbeitsplatz steht nun für einen guten Teil des Jahres in Italien, mehren sich die Anzeichen, dass die Toskana kein Geheimtipp mehr ist. Das Vordringen deutscher Touristen und Ferienhausbesitzer wird unübersehbar. Und nun passiert, was immer passiert, wenn die Avantgarde von gestern zum Massenphänomen von heute zu werden droht: Die Pioniere plagen Statussorgen.

          „Die Toscana-Therapie“

          Auch Gernhardt reagiert gereizt. Im Sommer 1982 sitzt er in einem kleinen Restaurant am Strand von Alberese, zunächst als einziger Deutscher unter einheimischen Gästen. Aber dann kommen Landsleute hinzu, erst ein Paar, dann noch eines, und rasch dreht sich das Gespräch um die Schönheit toskanischer Sonnenuntergänge und die Schwierigkeiten beim Hauskauf. Aber was sind das eigentlich für Menschen, die einem da plötzlich und immer öfter an liebgewordenen Orten begegnen: schlicht Landsleute oder gleichgesinnte Kenner, also Wahlverwandte, üble Störenfriede oder gar Todfeinde? Und was an ihnen ist eigentlich so nervtötend?

          Gernhardt verspürt ein Abgrenzungsbedürfnis. Aber er gibt ihm nicht nach, indem er aufzählt, was ihn, den Veteranen, von den Neuankömmlingen unterscheidet, sondern er geht ihm auf den Grund, indem er die Gemeinsamkeiten benennt: „Es sind nicht ganz meine Kreise, doch meinen Kreisen nahe Kreise. Unsere Werte – Entdecken, Exclusivität, Simplizität – decken sich zum Teil, das entwertet meine Werte. Der Spiegeleffekt: So sehen mich die anderen möglicherweise ebenfalls. Die Feindseligkeit, die ich ihnen gegenüber empfinde, ist gegen mich selber gerichtet (auch) . . . Fazit: Richtig hassen kann man nur, was man kennt.“ Dann aber wechselt der Gedankengang unvermittelt in die Sphären der künstlerischen Produktion: „In alldem, was ich satirisch packen kann, steckt etwas von mir.“ Vier Jahre nach dieser Szene erscheint das Theaterstück mit dem geradezu sprichwörtlich gewordenen Titel: „Die Toscana-Therapie“.

          Im unerforschten Reich der Brunnen-Hefte

          Hier haben wir ein Grundmuster Gernhardts: Er ist ein stets hellwacher Beobachter, der seinen Blick so lange schweifen lässt, bis er sich selbst ins Visier gerät. Fremd- und Selbstdiagnose schließen sich nicht aus, sondern gehören untrennbar zusammen. Das Beobachtete wie dessen Analyse aber sind vor allem eines: Material. Für Gedichte, Stücke, Erzählungen, Skizzen und Zeichnungen, Entwürfe, Aphorismen und Reflexionen. All das gilt es festzuhalten, und zwar möglichst sofort, ganz dem frühen Vierzeiler gemäß: „Ich weiß nicht, was ich bin. / Ich schreibe das gleich hin. / Da hab’n wir den Salat: / Ich bin ein Literat“.

          So entstanden die „Brunnen-Hefte“, 675 an der Zahl mit etwa vierzigtausend Seiten im Format DIN A5: ein fortlaufendes Gedankenarchiv der Jahre 1978 bis 2006, mehr Notizheft als Diarium, Arbeitsjournal und Steinbruch fürs künstlerische Werk. Vorgestellt wurde dieses Archiv eines Künstlerlebens erstmals vor drei Jahren in einer Ausstellung des Deutschen Literaturarchivs in Marbach, wo Gernhardts Nachlass liegt. Jetzt ist mit „Toscana Mia“ der erste Band erschienen, der einen tieferen Einblick in das unveröffentlichte Material erlaubt. Der Buchtitel stammt noch von Gernhardt selbst, der in den letzten Wochen vor seinem Tod nicht nur an dem 2007 postum erschienenen Erzählungsband „Denken wir uns“ arbeitete, sondern für seinen Verlag auch eine Liste mit möglichen Publikationen aus dem Nachlass zusammenstellte. Unter der Rubrik „Mögliche Fischzüge durch die Brunnen-Hefte“ soll die Toskana-Expedition im unerforschten Reich der Brunnen-Hefte eine zentrale Position eingenommen haben.

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