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Rivka Galchen: Atmosphärische Störungen : Die Großwetterlage? Stürmisch!

  • -Aktualisiert am

Bild: Rowohlt

Mit „Atmosphärische Störungen“ hat Rivka Galchen ein erstaunliches Debüt vorgelegt. Mit dem Kopf in den Wolken lässt sie ihren Helden nach der Liebe auf Erden suchen.

          Im Amerikanischen gibt es ein Wort, das diesen Roman perfekt beschreibt: kooky. „Kooky“ heißt so viel wie versponnen, schräg, auf sympathische Weise verrückt. So wie Dr. Leo Liebenstein eben – wobei der schrullige New Yorker Psychiater und Ich-Erzähler von „Atmosphärische Störungen“ nicht nur ein klein wenig verrückt ist, sondern eher etwas mehr. Aber das merkt man nicht gleich. Denn zunächst steht Leo scheinbar bloß vor einer der heikleren Fragen des Ehealltags, nämlich, ob die Frau, die so selbstverständlich mit ihm Tisch und Bett teilt, eigentlich noch die ist, die er einst geheiratet hat.

          Leo ist überzeugt davon, dass die Blondine, die da mit einen Welpen unter dem Arm zur Wohnungstür hereinkommt, nicht seine Frau Rema ist, auch wenn ihr Haar wie das von Rema nach Gras riecht, sie genau wie Rema einen hellblauen Mantel mit auffällig großen Knöpfen trägt und sogar Remas überdimensionierte himmelblaue Handtasche dabeihat. Selbst dass sie mit Remas argentinischem Akzent spricht, bringt Leos mit der Plötzlichkeit einer Erleuchtung über ihn gekommene Überzeugung nicht ins Wanken: „Alles gleich, aber nicht Rema. Das sagte mir einfach mein Gefühl.“ Fortan nennt er die falsche Frau bei sich nur noch „das Simulacrum“, „das Imitat“ oder „Ersatz-Rema“.

          Mehr als nur ein charmanter Einstieg

          Das Erstaunliche ist, dass der Roman nach diesem so charmanten wie originellen Einstieg nicht etwa zur allgemein anerkannten Normalität und damit in gesicherte erzählerische Bahnen zurückkehrt, sondern dass sich im Gegenteil aus Leos Erkenntnis eine Handlungskette von jener bestrickenden absurden Logik ergibt, wie sie sich nur Verrückten ganz erschließt – zu denen der bezauberte Leser sich bald gern rechnen lässt. Rivka Galchens Roman „Atmosphärische Störungen“ war eines der erfolgreichsten amerikanischen Debüts des vergangenen Jahres; die deutsche Übersetzung bei Rowohlt verdankt sich nicht zuletzt der Empfehlung des großartigen österreichisch-amerikanischen Schriftstellers John Wray, der mit „Retter der Welt“ im vergangenen Jahr für Furore sorgte (F.A.Z. vom 28. März 2009). Wer von Wrays Roman beeindruckt war, dem wird auch „Atmosphärische Störungen“ gefallen: die beiden Werke verbindet das Interesse an Protagonisten, deren Wahrnehmung parallel zur Realität verläuft – ein, wie sich seit Büchner und Hamsun immer wieder gezeigt hat, literarisch äußerst ergiebige Perspektive. In den besten Passagen liest sich „Atmosphärische Störungen“, als sei einer von Wilhelm Genazinos widerwilligen Glückssuchern mit dem Exaktheitsfanatismus von Jorge Luis Borges ausgestattet worden, um die Stimmung des Filmklassikers „Mein Freund Harvey“ einzufangen.

          Denn einen Harvey gibt es auch in Leo Liebensteins Leben: kein großer unsichtbarer Puka-Hase wie im Film, sondern einer seiner Patienten, welcher der festen Überzeugung ist, er sei ein Geheimagent der Royal Academy of Meterology und könne das Wetter beeinflussen. Nachdem Harvey der Seite sechs der „New York Post“ immer wieder eigens für ihn verschlüsselte Aufträge zu entnehmen glaubte und daraufhin tagelang auf ominösen Missionen quer durch die Vereinigten Staaten verschwand, hatte Rema die rettende, wenngleich medizinisch nicht eben einwandfreie Idee, Leo solle vorgeben, ebenfalls ein Agent der Royal Academy zu sein, und Harvey weismachen, er bekomme direkte Instruktionen des Chef-Meterologen, die er an ihn weiterreichen werde. Damit der Schwindel nicht auffliegt, hatte das Paar dem angeblichen Chef-Meterologen sogar den Namen eines tatsächlichen Forschers gegeben: „Ich wählte den Namen Tzvi Gal-Chen ganz willkürlich aus, glaubte ich jedenfalls. Es schien einfach ein ungewöhnlicher und liebenswürdiger Name, irgendwie respektgebietend und harmlos zugleich.“ Hier bekommt der Roman einen Zug ins Private.

          Hommage an den Vater

          Rivka Galchen, die 1976 als Tochter israelischer Emigranten in Toronto geboren wurde und zunächst einen Psychatrie-Abschluss machte, bevor sie sich dem Schreiben zuwandte, ist mit „Atmosphärische Störungen“ nicht nur eine kluge Studie darüber gelungen, wie Gewohnheit und Routine den intimen Blick auf den Partner vernebeln können, sondern sie hat ihrer Eheliebesgeschichte auch eine spielerische Hommage an ihren Vater eingeschrieben, Tzvi Gal-Chen, der Meteorologe an der Universität von Oklahoma war, als er 1994 mit Anfang fünfzig starb. Selbst wenn Tzvi Gal-Chen (außer auf Fotos) nie leibhaftig auftritt, spielt er doch eine große Rolle bei Leos Suche nach der wahren, echten Rema, seiner großen Liebe, für die er sich nicht nur nach Buenos Aires begibt, sondern sich sogar mit Harvey und Tzvi Gal-Chen zusammentut. Die Handlung nimmt fast so viele bizarre Wendungen wie die Unterhaltungen von Leo und dem „Simulacrum“, in denen die Kunst des Aneinandervorbeiredens auf tragikomische Weise vorgeführt wird.

          Leos Problem, oder, wie er es medizinisch und politisch korrekt bei einem seiner Patienten nennen würde, sein „Konflikt mit dem gängigen Realitätsbegriff“, mag eine Variante des Capgras-Syndroms sein, bei dem der Erkrankte glaubt, nahe Verwandte seien durch einen Doppelgänger ausgetauscht worden. Doch Galchen geht es, ähnlich wie Wray im „Retter der Welt“, nicht um die Darstellung eines Krankheitheitsbildes, sondern im Gegenteil um die Beschwörung eines in sich schlüssigen Bewusstseins. Welche Diagnose auch immer hinter der Unerschütterlichkeit von Leos Überzeugung stehen mag – was Galchen interessiert, ist seine sehr reale Verzweiflung über das Verschwinden seiner Frau. Indem sie sich ganz einlässt auf Leos fixe Ideen und Wahrnehmung, wird die jedem Ich-Erzähler eigene Unzuverlässigkeit noch mal gesteigert. Die umständliche Korrektheit, mit der Leo sich auszudrücken pflegt, hat Grete Osterwald feinsinnig ins Deutsche gebracht; dass sich das dann bisweilen auch etwas gestelzt liest, gehört zu Leos Kauzigkeit und ist überdies oft von zarter sprachlicher Komik – und enormem literarischen Reiz.

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