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: Riesenschlange im Galopp

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Eine erstaunliche Renaissance antiker Stoffe ereignete sich in der Literatur der DDR. Peter Hacks' Lustspiel "Omphale" und seine Bearbeitung des "Amphitryon", Wolfgang Langes Einakter "Herakles" und seine Parabel "Die Ermordung des Aias", Heiner Müllers "Philoktet" und Christa Wolfs Roman "Kassandra" ...

          Eine erstaunliche Renaissance antiker Stoffe ereignete sich in der Literatur der DDR. Peter Hacks' Lustspiel "Omphale" und seine Bearbeitung des "Amphitryon", Wolfgang Langes Einakter "Herakles" und seine Parabel "Die Ermordung des Aias", Heiner Müllers "Philoktet" und Christa Wolfs Roman "Kassandra" - sie verraten ein so allgemeines Interesse an den alten mythischen Geschichten, daß man glauben konnte, eine neue Klassik der deutschen Literatur sei angebrochen. Freilich suchte keiner dieser Autoren "das Land der Griechen mit der Seele" - eher schon ein Schlupfloch in den Netzen der Zensur, auf die jedes neue Werk in den Dramaturgien und Lektoraten und letztendlich im zuständigen Ministerium stieß. Hinter den alten und in der Überlieferung ehrwürdig gewordenen Fabeln und Gestalten ließen sich unwillkommene Zeitbefunde verstecken. Diese "Klassik" war eine List der Autoren.

          Auch der 1948 in Ueckermünde geborene Uwe Saeger gesellte sich mit Erzählungen wie "Sinon oder Die gefällige Lüge" (1983) und "Sophokles' Schweigen" (1988) oder dem Schauspiel "Empedokles" (1989) zu den literarischen Griechenland-Fahrern. Was es hieß, der Wirklichkeit der DDR "nachzuschreiben", zeigte sich bei der Novelle "Aus einem Herbst jagdbaren Wildes" (1987), für die er zwar in Klagenfurt den Ingeborg-Bachmann-Preis erhielt, die aber in der DDR nicht erscheinen durfte.

          Aus dem Notbehelf kann leicht Gewohnheit werden. Jedenfalls hat Saeger auch mit seinem Roman "Laokoons Traum" aus der bewährten Inspirationsquelle geschöpft. Laokoon, Priester in Troja, warnt vergeblich vor dem Hinterhalt, der im hölzernen Pferd der Griechen lauert, und wird wegen einer früheren Beleidigung des Gottes Apollon am Meeresstrand mit seinen Söhnen von zwei mächtigen Schlangen erwürgt. Ihre Bekanntheit verdankt die Laokoon-Geschichte vor allem der berühmten Skulptur von Hagesandros und seinen Söhnen Polydoros und Athanadoros. In Deutschland haben Winckelmann und - mit seiner kunst- und literaturästhetischen Abhandlung "Laokoon" - Lessing den Ruhm der Skulptur endgültig befestigt.

          In Saegers Roman kolportiert ein Segretario Monsignore Paladino aus den Vatikanischen Uffizien eine fatale Neuigkeit: Aufgrund einer Jahrhunderte andauernden Verspannung hat sich die Skulptur durch innere Kompression selbst zerstört. Dabei erhielten die beiden Schlangen, die der Götterbote Hermes bei der Entstehung der Skulptur in das Gliedergemenge der Gruppe hineingepreßt hatte, Leben und Freiheit zurück. Geblieben sind nur Schlangenhäute, auf die ein Bericht eingraviert ist, nämlich die eigentliche Fabel des Romans. Die Nacherzählung Paladinos wird gelegentlich unterbrochen durch sprachlich gekünstelte oder skurrile Anmerkungen eines "unsteten Freundes", bei dessen Erfindung dem Autor die romantischen Doppelgänger Jean Pauls und E. T. A. Hoffmanns Pate gestanden haben könnten.

          Aus den Aufzeichnungen auf den Schlangenhäuten schält sich eine wechselvolle Geschichte der Skulptur heraus. Hier ist die erzählerische Phantasie Saegers in ihrem Element. Cäsar sieht das Kunstwerk und begehrt es für sich. Cleopatra erwirbt es für ihn und bringt es ihm als Gabe nach Rom, aber da sich der römische Staat nicht beschenken lassen darf, bleibt die Skulptur hinfort in den Winkeln privater Räume verbannt. Nun führen Wohnzimmerepisoden den Leser durch die römische Geschichte, über Mark Anton, Octavian und Augustus, über Claudius und Messalina und die Vergiftung des Claudius durch Agrippina zu Nero. Die Schlangen sind Augenzeugen, blicken wie durch ein Okular ins römische Welttheater. Nach dem langen Verschollensein der Skulptur eröffnet ihre Wiederauffindung in einem Baugrund bei den Titusthermen im Jahre 1506 die Ära der Bewunderung des Kunstwerks. Eine illustre Reihe von Kunstfreunden pilgert zur Skulptur, Napoleon verhindert schließlich ihre Entführung nach Paris.

          Die etwas zu penetranten Fingerzeige auf Winckelmanns Homosexualität oder das extravagante Spiel der Lüste des Marquis de Sade an der Statue des Apoll bleiben flüchtige Erscheinungen in der erfindungsreichen Story, die im Laufschritt durch die Rezeptionsgeschichte der Laokoon-Gruppe eilt. Doch vergaloppiert sich Saeger dort, wo er seiner Romanfabel einen philosophisch-kunsttheoretischen Mantel überzuwerfen versucht. Da blicken dem Leser Satzmonstren wie dieses entgegen: "Denn Kunst . . . rekrutiert sich aus und bedient sich stets im nichtscheidbaren Wechselspiel des immerwährenden Prozesses ihrer Renaturierung am zwar zu bestellenden, aber nicht abzuerntenden Feld der Moral." Die Sprache der Schlangen ziseliert Manierismen: "Es geschah ein Weichen der Finsternis vor einer quellelos sich anwachsend behauptenden Helle."

          Immer wieder geistert das Wort Gott durch die Zeilen; es wird zur Luftblase. Der "unstete Freund" hat eine bizarre Vision, besucht Gott und tanzt mit dessen Frau Aschera. Natürlich dürfen Phantasmagorien Möglichkeiten des Traums wahrnehmen. Aber das kann kein Freibrief sein für allzu prätentiöses Reden über Gott, das Leben und den Tod, über Raum und Zeit und über die Kunst. Saeger hat mit seiner spannenden Erzählung vom Entstehen und Weiterwirken eines Kunstwerkes wieder Fabulierkraft bewiesen. Unglücklich sind seine Versuche, die Fabel durch grandiose Sinnkonstruktionen zu überhöhen. Da greift er nach den Sternen, bleibt aber hängen im Gewölk.

          WALTER HINCK

          Uwe Saeger: "Laokoons Traum". Roman. Merlin Verlag, Gifkendorf 2002. 217 S., geb., 19,40 [Euro].

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