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Richard Swartz: Notlügen : Ist die Hölle vielleicht ein Ort, an dem die Wahrheit gesagt wird?

Bild: Verlag

Richard Swartz untersucht in seinen Erzählungen das oftmals analysierte Verhältnis zwischen den Geschlechtern und verzichtet leider auf jede wohltuende Ironie.

          3 Min.

          Männer sind Schweine“ heißt ein uncharmanter Song der deutschen Rockband Die Ärzte, „weil Männer nun mal so sind“. Das greift deutlich zu kurz und wird selbst dem Text dieses Gassenhauers nicht gerecht. Und nun folgende Erläuterung des Sachverhalts: „Das Interesse dieses Mannes für diese Frau hatte dem gegolten, was man anfassen und wonach man greifen konnte, in das man beißen konnte, es auseinanderdrücken, in es eindringen, dem, was sich da unter seinen Händen und dem Mund befand, ohne dass man es in Worte kleiden musste.“

          Rose-Maria Gropp
          (rmg), Feuilleton, Kunstmarkt

          Das Zitat stammt aus der ersten Geschichte des Erzählungsbands „Notlügen“ von Richard Swartz, und es ist ebenso wenig fair. Aber bezeichnend ist es doch. Denn es geht in diesen sechs Storys des prominenten schwedischen Publizisten, der viel gerühmt ist für seine Reportagen vor allem über den Balkan, um das grundlegende Unverständnis zwischen Männern und Frauen auf allen Ebenen - sprachlich, seelisch, körperlich.

          Liebe als Überbau

          Richard Swartz exerziert seine Überzeugung von der Gültigkeit dieser nicht eben brandneuen These auf gut zweihundertzwanzig Seiten durch. Oder genauer tut das ein Erzähler, der seinerseits nicht vollständig informiert scheint über die äußeren Vorgänge und ihre inneren Beweggründe, also kein allwissender, sondern ein selbst in Melancholie gehüllter Erzähler ist, der immer wieder in Spekulationen verfällt. Die Wendungen des Anscheins, der Vermutung, des Nachhinein bestimmen diese Geschichten, und es stimmt schon, dass diese Beobachterperspektive, die sich durchgehend auf „den Mann“ und „die Frau“ als namenlose Akteure richtet, ein gewisses Raffinement aufweist.

          Das von Mann und Frau episodisch geteilte Bett steht dabei für jene berüchtigte Leerstelle, die Sexualität heißt, Liebe ist ja nur ein Überbau, gehoben auf die Ebene der Symbole - „I love you, sagte der Mann. Er tat dies vor allem, weil es an der Zeit war, etwas zu sagen, aber vielleicht hörte oder verstand die Frau nicht, was er sagte, sie strich nur ein paar dünne, blauschimmernde Strähnen aus der Stirn und betrachtete ihn mit einem Erstaunen, das keiner Übersetzung bedurfte.“ Das ist sehr gebildet, aber allzu weitschweifig kreist immer wieder ein Berg, um eine Maus zu gebären: Es geht eben nicht zwischen den Geschlechtern. So beredsam, um nicht ein ärgeres Wort zu gebrauchen, wie Swartz die Kluft zwischen Mann und Frau inszeniert, ist das mitunter ermüdend und leider ein wenig banal.

          Notlügen gegen Wahrheitsliebe

          Der Erzähler nimmt immer neue Anläufe: So bekommt ein Mann in einer fremden Stadt, wohl in Ungarn, von einer Freundin eine Frau zugeführt, der er in ihre Wohnung folgt. Der angestrebte Geschlechtsverkehr wird durch das widerspenstige Kind der Frau lange hinausgezögert. Nachdem er endlich stattgefunden hat, bleibt dem Mann als Erinnerung die herausgestreckte Zunge des Kinds, „wie eine fleischige, schweinchenrosa Zitze“. Oder ein Mann begegnet, diesmal identifizierbar in Stockholm, einer Frau, die ihm gefällt und die „politisch engagiert“ ist, aber offenbar wenig Zeit für ihn hat. Er wird allerdings bei ihr, die ihn aufreizt - prick-teasing wäre die unschöne Formel aus männlicher Sicht dafür -, nicht zu seinem Ziel kommen.

          In dieser vierten Geschichte stehen aber auch Sätze, die zur schieren Selbstenthüllung geraten. Während nämlich dieser Frau erklärtermaßen nichts so verlogen wie „Phrasen und Metaphern“ vorkommt, erfährt der Leser: „Für den Mann sind sie in ihrer zu nichts verpflichtenden Zuwendung praktisch und nahezu vollendet. Man könnte sie allenfalls als Notlügen auffassen, um sich eine allzu große Wahrheitsliebe vom Hals zu halten. Die Hölle stellt sich der Mann als einen Ort vor, an dem die ganze Zeit nur die Wahrheit gesagt wird.“ Der Erzähler - oder gar der Autor? -, an dem es jetzt wäre, distanziert sich in keiner Form von dieser Erkenntnis; der Mann macht sich mit ausschweifenden Gedanken über das Verhältnis von Herz und Kopf in vergangenen Jahrhunderten von hinnen.

          In Metaphern ausweichend

          Es ließe sich ständig in diesen Geschichten von einer - zweifelsohne intellektuell durchdrungenen - Misogynie reden, gutwillig von Frustration, real erfahrener oder fiktionaler. Was ja nichts für gelungene Literatur verschlagen muss. Das Problem ist aber, dass Swartz seine Erzählinstanz solche Sätze nicht mit dem geringsten Hauch von Ironie abfedern lässt, selbst wenn er das vielleicht sogar gewollt haben mag. Sie stehen einfach da. Was einzig durchbricht ist Sarkasmus, gelegentlich Zynismus. Swartz fährt sich in seinen Ausflügen auf das Terrain des Geschlechterverhältnisses schlicht fest, seitenlang gewundene Passagen wechseln mit aphoristischer Zuspitzung. Immer wieder weicht er in Metaphern des allgemeinen Unverständnisses zwischen einander fremden Kulturen aus, bei denen er sich auskennt, notfalls auch in atmosphärische Schilderungen ihm wohlvertrauter Städte.

          Anders, ganz direkt geht es bei der Band Die Ärzte im boshaften Text weiter: „Und dann am nächsten Morgen weiß er/ Nicht einmal mehr, wie du heißt/ Rücksichtslos und ungehemmt/ Gefühle sind ihm völlig fremd/ Für ihn ist Liebe gleich Samenverlust.“ Billiger geht’s nicht, aber das ist dort so gewollt. Die letzte Geschichte bei Richard Swartz handelt von einem Mann in Wien, der von seiner Ehefrau nach dreistem Betrug am Ende mittels einer Haarbürste überführt wird. Der Mann findet, dass „diese rosa Haarbürste aus billigem Plastik eigentlich mehr für ihn als für sie spricht“. Wer will und kann, mag das als kesse Pointe lesen. Denn der Mann erkennt für sich, dass diese Entlarvung „als unwiderleglicher Beweis für ihren krankhaften Argwohn gelten muss, und - warum sollte er es nicht sagen? - für schlechten Geschmack ganz allgemein“. Wie wahr das ist.

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