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Richard Powers: Drei Bauern auf dem Weg zum Tanz : Auf den Spuren von Hubert, Peter und Adolphe

  • -Aktualisiert am

Bild: S. Fischer Verlag

Richard Powers’ Debüt aus dem Jahr 1985 ist eine dreistimmige Komposition aus der Autostadt Detroit. Im Zentrum steht die Entschlüsselung des fotografischen Werks von August Sander.

          4 Min.

          Unter den großen amerikanischen Erzählern der Gegenwart gilt Richard Powers als Formjongleur. Nie hat er einfach eine Geschichte erzählen wollen, mit Einleitung, Klimax, Coda. Und auch sein erst jetzt auf Deutsch veröffentlichtes Debüt „Drei Bauern auf dem Weg zum Tanz“ aus dem Jahre 1985 ist als Visitenkarte zu lesen, mit klaren Weichenstellungen und der Tendenz zur großen, verschachtelten Form. Powers faltet das zwanzigste Jahrhundert in drei Erzählsträngen auf. Und wie von seinen späteren Romanen gewohnt, grundiert er schon hier alles mit klugen Exkursen, über die Entwicklung der Fotografie, der Industrie, über die daraus folgende Veränderung des Menschen.

          Biographien erfundener oder historischer Personen überlappen einander. Der Spaß beim Lesen dieser Romane variiert je nach Erzählstrecke, und zuweilen versinkt man so tief, dass man nur unwillig die Parallelgleise ins Blickfeld rücken mag. Dabei ist gerade der Blick aus größter Höhe auf diese kühne Konstruktion schwindelerregend.

          Die Fotografie bannt den Blick des Gelangweilten

          Die Romane von Richard Powers, der 1957 in Evanston, im amerikanischen Bundestaat Illinois zur Welt kam, erwachsen gerne am Nullpunkt, wie unter großem Druck, der sich in üppigen Erzählbächen ergießt. In „Das Echo der Erinnerung“ ist es nach einem schweren Unfall die Auslöschung der Vergangenheit, die fortan neu geschrieben werden muss. In „Schattenflucht“ ergeben sich die Szenarien innerhalb eines vom Rest der Welt abgetrennten kreativen Zentrums, auf Englisch: eines thinktanks, der Denker unterschiedlichster Temperamente zusammensperrt. Jetzt ist es ein Zeitloch während einer Reise: der auferzwungene Zwischenstopp des Erzählers in Detroit, der Autostadt, die auch Kunst zu bieten hat.

          Diesen Erzähler, ein Unternehmer mit technischem Hintergrund, der Autos gar nichts abgewinnen kann, ereilt in seiner Detroiter Warteschleife - die Langeweile spült ihn ins hiesige Museum - fast so etwas wie eine Epiphanie: „tiefes, seelisches Wohlbefinden“. Noch im Erdgeschoss hatten ihn Diego Riveras Fresken über Henry Ford und Detroits Industrialisierung aufgewühlt, eine subversive Darstellung des Fließbands als „sehnige, fast organische Maschine, die stampfte, schweißte und schließlich das fertige Produkt, einen Automotor hervorbrachte“. Jetzt steht er besänftigt vor einer Fotografie August Sanders: „Bauern aus dem Westerwald auf dem Weg zum Tanz, 1914“.

          Zu sehen sind drei junge Männer in Sonntagsanzug mit Gehstock und Hut auf ödem Ackerfeld und auf dem Weg irgendwohin. Dem Letzten hängt die Zigarette lässig am Mund, der Mittlere schaut wie aus allen Träumen gerissen, der Vorderste zieht eine Augenbraue leicht hoch. Alle wenden sich dem sie offenbar überraschenden Fotografen aus der Bewegung heraus zu, ein kurzes Innehalten, bevor sie ihren Weg fortsetzen - als Individuen mehr denn als Typen. In dieser Wartehalle der Geschichte im Detroiter Museum, im Kreuzungspunkt also von Industrie und Kultur, schießen alle künftigen Linien des Romans, noch bevor wir sie kennen, schon gleich zu Anfang zusammen und verdichten sich zu einem Bild, dem Richard Powers seine zunächst dreistimmige Komposition abgewinnt.

          Erst spät verbinden sich die Erzählstränge

          Die drei Bauern lassen den Erzähler für lange Zeit nicht mehr los. Er kauft sich ein Notizbuch und schreibt auf, was ihm dazu einfällt. Und so ist dieses Debüt nicht zuletzt auch ein Roman über die Geburt eines Romans; über den Autor selbst, der hier die erzählerischen Freiheiten prüft, die er sodann ergreift: Er erzählt, nach dem umwälzenden Museumsbesuch, die Geschichte dieser drei Bauern Hubert, Peter und Adolphe. Ein- und Auswandererbiographien: Zwei der drei geraten in die Bauersfamilie wie Kuckuckseier der neuen Mutter ins Nest gelegt, die sich rührend kümmert - bis das Militär sie abberuft auf ein Feld „irgendwo in diesem geschundenen Jahrhundert“, zum Todestanz.

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