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„Herkunft“ von Saša Stanišić : Heimat ist, wo die Drachen sprechen

Fundgrube der Erinnerung: Saša Stanišić als Kind mit seinem Großvater an der Drinabrücke in Višegrad. Bild: privat

Aus einem Lebenslauf für die Ausländerbehörde wurde ein autofiktionaler Roman: In „Herkunft“ sucht Saša Stanišić bei Lebenden und Toten nach Antworten auf die Frage, wer er ist.

          4 Min.

          Was schreibt man der Ausländerbehörde auf die Frage nach der eigenen Herkunft? Um die deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten, ist der Schriftsteller Saša Stanišić im März 2008 aufgefordert, unter anderem einen handgeschriebenen Lebenslauf einzureichen. Er legt eine Tabelle mit den Daten seines Lebens an, dem Besuch der Grundschule in Višegrad, der Stadt im einstigen Jugoslawien, in der er 1978 geboren wurde, dem Studium der Slawistik in Heidelberg. Aber die Stichpunkte, stellt er schnell fest, haben nichts mit seinem Leben zu tun. „Ich wusste, die Angaben waren korrekt, konnte sie aber unmöglich stehen lassen“, notiert der Erzähler und setzt aufs Neue an. Wieder nennt er das Datum seiner Geburt und schildert dann, wie es in diesen Tagen unablässig geregnet hat, dass der Blitz einschlug, als er auf die Welt kam und seine Großmutter Kristina, die sich in den ersten Jahren um ihn kümmerte, bei der Mafia war.

          Sandra Kegel
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Saša Stanišićs Antwort auf die Frage, wer er ist und woher er kommt, wird am Ende mehr als dreihundertfünfzig Buchseiten füllen. Und „Herkunft“, so der Titel dieser autofiktionalen Erzählung, ist keine Seite zu lang. Weil Herkunft komplex ist und schon die Frage, worauf sich das Woher bezieht, für den Autor unklar bleibt: „Auf die geografische Lage des Hügels, auf dem sich der Kreißsaal befand? Auf die Landesgrenzen des Staates zum Zeitpunkt der letzten Wehe? Provenienz der Eltern? Gene, Ahnen, Dialekt?“ Das alles ergebe doch nur eine Art Kostüm, das man, einmal übergestülpt, „ewig tragen soll“. In diesem Sinn ließe sich „Herkunft“ als eine Kostümprobe beschreiben. Immer wieder probiert der Erzähler neue Gewänder an, die er in der Fundgrube seiner Erinnerung findet, um sich darin als sein früheres Ich zu betrachten, als Sohn, als Flüchtling, als Reisender, Enkel oder Drachenjäger.

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