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Rezension : Zufälle gibt's, die gibt's nicht

Bild: Frankfurter Verlagsanstalt

Neuer Roman: Mit seinem „Schundroman“ gelingt Bodo Kirchhoff etwas, woran Martin Walser (auch) gescheitert ist: ein Farce.

          Kann es ein Zufall sein, dass gleich zwei neue deutsche Romane Männer zu Protagonisten haben, die sich von Kindesbeinen an für sehr teure Uhren begeistern? Natürlich. Steffen Kopetzky schildert in "Grand Tour" einen wohlhabenden Baron, dessen Leben durch seine Sammelleidenschaft aus den Fugen gerät, Bodo Kirchhoff in "Schundroman" einen gescheiterten Juwelierssohn, dessen Leben durch Liebesleidenschaft wieder in feste Bahnen geführt wird. Sosehr sich die der Handlung zugrundeliegenden Vorlieben gleichen, so sehr unterscheidet sich der Weg beider Figuren.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Kann es ein Zufall sein, dass gleich zwei neue deutsche Romane die Ermordung eines Literaturkritikers zum Thema haben, hinter dem sich jeweils nur notdürftig verbrämt Marcel Reich-Ranicki verbirgt? Natürlich nicht. Bodo Kirchhoff hat im "Spiegel" zugegeben, dass angesichts der Rolle Reich-Ranickis bei Walser und ihm "wohl ein inneres Fass übergelaufen" sei. Sosehr sich die der Handlung zugrundeliegenden Motive gleichen, so sehr unterscheidet sich aber der Weg beider Autoren.

          Was haben wir überhaupt für Kriterien für einen Schundroman? Er muss schlecht geschrieben sein oder, besser, billig gemacht, nach festem Schema konstruiert, voller Klischees, auf Oberflächenreize hin geschrieben, die den Leser bei der Stange halten: Nur drei Tote in der ersten halben Stunde der Lektüre - da würden Schundromanleser wohl von einem Mistbuch sprechen. Kirchhoff erfüllt ihre Erwartungen, und damit könnte man die Rezension schon schließen, wenn "Schundroman" nicht über das Detail des Kritikermords - der keinerlei Belang für den Fortgang des erzählten Geschehens hat, es könnte auch einen Chefkoch treffen oder einen Sportfunktionär, doch weil das Buch in Frankfurt zur Buchmessenzeit spielt, lag die Wahl "der einzigen und einsamen Symbolfigur des Betriebs" (Kirchhoff) nahe - in eine Diskussion geraten wäre, die dem Text größere Aufmerksamkeit angedeihen lässt, als dessen Autor sich wohl jemals hätte träumen lassen.

          Dieses Buch, das merkt man jeder Zeile an, hat Kirchhoff wenig Mühe gekostet, aber viel Spaß gemacht. Es ist eine Hommage an die Pulp-Literatur der dreißiger und vierziger Jahre, und einem ihrer Größten, dem Amerikaner Charles Willeford, verdankt Kirchhoff die Idee, einen Mord geschehen zu lassen, der Resultat eines im Grunde harmlosen Ablenkungsmanövers ist. Als Willem Hold, der gescheiterte Juwelierssohn, auf dem Frankfurter Flughafen die Verfolger einer jungen Dame abschütteln will, versetzt er einem wildfremden Herrn einen derben Ellbogenstoß ins Gesicht, um Verwirrung zu stiften. Der Herr stirbt daran, und da es sich um den berühmten Louis Freytag handelt, schlägt sein Tod hohe Wellen.

          Kirchhoff hat sich in seinem "Spiegel"-Aufsatz, mit dem er seinen Stoff schon vor der Publikation von "Schundroman" erläutern zu müssen glaubte, zu der Behauptung verstiegen, beim Schreiben des Buches sei ihm die Situation Reich-Ranickis im Warschauer Ghetto erst verständlich geworden: "Wie es ist, das Gewicht der eigenen Worte fürchten zu müssen." Dieser Vergleich zwischen Opfern der Nazis und solchen der Kritik ist geschmacklos, das Buch aber ist es nicht. Denn Kirchhoff hat darin seine Worte leicht gewählt, aber nicht leichtfertig. Bei ihm gibt es keine antisemitischen Klischees, nicht einmal das Spiel mit Andeutungen, weil in "Schundroman" die Funktion des Ermordeten im Vordergrund steht, nicht dessen Persönlichkeit. So gelingt ihm, woran Walser (auch) scheitert: eine Farce.

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