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Mandanipurs Roman „Augenstern“ : Zwei Engel auf seinen Schultern

  • -Aktualisiert am

Ein Land im Schatten seiner Vergangenheit: Waffenschau im Teheran unserer Tage zur Erinnerung an den Ausbruch des Krieges gegen den Irak im Jahr 1980 Bild: dpa

Shahriar Mandanipur ist ein Meister darin, in den Tragödien und Komödien des Alltags die großen Umbrüche in Iran der vergangenen Jahrzehnte zu spiegeln. Sein neuer Roman „Augenstern“ ist voll von diesen einzigartigen Ereignissen.

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          Manchmal streiten die Engel. Wenn sich einer von beiden selbständig macht und Dinge aufschreibt, die ihm nicht zustehen. Dann wirft der andere ihm vor, gegen die Regeln zu verstoßen, denn für „Schreiberengel“ wie in dem neuen Roman des aus Iran stammenden Shahriar Mandanipur gelten klare Vorschriften: Der Engel auf der linken Schulter notiert alles Schlechte aus dem Leben von Amir, dem traumatisierten Helden, der sein Gedächtnis verloren hat. Und der Engel auf seiner rechten Schulter schreibt alles Gute auf, das Amir in seinem Leben tut, sagt und denkt. Nach einer islamischen Tradition, die Mandanipur ausgegraben und in Literatur verwandelt hat, soll am Tag des Jüngsten Gerichts mit Hilfe dieser Aufzeichnungen entschieden werden, ob Amir ins Paradies darf oder nicht.

          Lena Bopp
          Redakteurin im Feuilleton.

          Man muss nicht lange lesen, um zu wissen, dass er sich keine großen Hoffnungen machen darf. Nicht nur wegen des Kriegs und seiner Schuld am Tod der von ihm kommandierten Soldaten, wovon stets der linke Schreiberengel berichtet. Sondern auch, weil Amir den beiden Engeln immer wieder dazwischenfährt, eigene Gedanken notiert und Geheimnisse preisgibt, die seine Aussichten aufs Paradies nicht verbessern.

          Es mag sein, dass er ein Kriegsversehrter ist, ein Krüppel ohne Arm und Verstand. Aber er zeigt sich eben auch als manipulatives Schlitzohr, großspurig und berechnend fast bis zuletzt. Ein Mann, dessen junges Leben mit jeder zurückkehrenden Erinnerung unwahrscheinlicher und so facettenreich wird, dass sich die aufwendige Erzählkonstruktion des Romans rasch als perfekt fürs Vorhaben des Autors erweist. Zwar erzählen die vielen Stimmen vom Leben eines Mannes, aber zusammen bilden sie einen Chor, der stets über den Einzelnen hinaus und hinein in die Gesellschaft und Geschichte eines ganzen Landes weist.

          Shahriar Mandanipur: "Augenstern"
          Shahriar Mandanipur: "Augenstern" : Bild: Unionsverlag

          Shahriar Mandanipur ist ein Meister darin, in den kleinen Tragödien und Komödien des Alltags die großen Umbrüche in Iran der vergangenen Jahrzehnte zu spiegeln. Ein Hinweis auf sein poetologisches Programm findet sich in jenem „Stadium der Mystik“, das er seinem Helden Amir andichtet, der sich, in den Armen einer Frau liegend, Gedanken über seine Wahrnehmung macht. „Vielleicht dringt Amir gerade zu diesem besonderen Stadium der Mystik vor – durch aufmerksame Beobachtung der Welt das einzigartige Ereignis in jedem einzelnen Moment zu begreifen. Das Wort zu finden für die Leere in den ausgefüllten Dingen des Lebens.“ Das Buch ist voll von diesen „einzigartigen Ereignissen“.

          Und weil Mandanipur die „Worte“ mit so bemerkenswerter Sicherheit findet, darf er aus allem schöpfen, was ihm die westliche Postmoderne, aber auch die altpersische Literatur und der Koran an Ideen mitgegeben haben. In beiden Welten ist Mandanipur zu Hause. Er lebt seit Jahren in den Vereinigten Staaten. Seine Bücher schreibt er auf Persisch, veröffentlicht sie aber zuerst auf Englisch. In Iran dürfen sie nicht erscheinen.

          Keine Frage, warum nicht. Mandanipur weist ständig vom Kleinen ins Große, manchmal braucht er dafür nur zwei Sätze. „Der Soldat bricht in Tränen aus. Seine ersten Tränen seit Langem, seit sich die schwarze Trauer über die Region ausgebreitet hat.“ Gemeint ist die Islamische Revolution, in deren Folge Iran in einen langen Krieg gegen sein Nachbarland Irak zog, an dem der 1957 geborene Shahriar Mandanipur teilgenommen hat. In seinem Roman konzentrieren sich die Schilderungen dieses Kriegs auf jene Grausamkeiten, für die er bekannt ist.

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