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Neuer Roman von Salman Rushdie : Hier ist Wahnfried, das Purgatorium

Der Untergang naht: Das Haus in Rushdies Roman erinnert dessen Erzähler einmal an die Horror-Klitsche der Addams Family (hier im Kinofilm von 1991). Bild: Picture-Alliance

Vielleicht ist der Spottumentarfilm die Kunstform unserer Zeit: Salman Rushdies großer, völlig überkandidelter Amerika-Roman „Golden House“ treibt postmodernes Erzählen auf die Spitze.

          Der Buchumschlag zur deutschen Ausgabe von Salman Rushdies neuem Roman „Golden House“ zeigt eine New Yorker Straßenschlucht und hat die Anmutung eines billigen Thrillers. Aber das ist womöglich beabsichtigt, denn dem Erzähler des Romans, einem gewissen René Unterlinden, schwebt genau dies vor: „Mein imaginärer Film“, sagt er einmal, „wäre ein Finanz- und Politthriller oder eine Serie solcher Thriller mit meinem Nachbarn als Hauptfigur.“ In einer Hinsicht ist Rushdies Roman dieser Thriller, der den Aufstieg und Fall eines Mafia-Paten zeigt, einer Art König von New York, den sowohl der Hauch „billigen, schweren Parfüms“ als auch der von „krasser, despotischer Gefahr“ umweht. Über diesen siebzigjährigen Mann mit ledrig dunkler Haut, diabolisch spitzem Haaransatz und einem vor Goldfüllungen blitzenden Lächeln heißt es: „Kinder und Hunde zuckten vor seiner Berührung zurück.“

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Aber die mit Genre-Klischees gespickte Kriminalgeschichte ist bei Rushdie natürlich noch nicht alles; gleich auf den ersten Seiten erfährt sie bereits eine gewisse Überdrehung: Denn der besagte Teufelskerl nennt sich selbst Nero Julius Golden und wird damit zum Superschurken stilisiert, der „seine Bösartigkeit vor unseren Nasen baumeln lässt“. Noch ein paar Seiten weiter ist die Erzählform dann schon beim Märchen angelangt: „Es war einmal ein böser König, der seine drei Söhne zwang, ihr Zuhause zu verlassen, und sie in ein Haus aus Gold steckte“, heißt es, und dann werden gleich vier Varianten des Märchens angeboten, die alle übel ausgehen.

          Ein Mann kam nach New York

          Im realistischen Kern von Rushdies Roman steht eine amerikanische Einwanderergeschichte. Der Vater mit seinen drei Söhnen kommt, nachdem die Mutter bei dem Attentat islamistischer Terroristen in Mumbai Ende des Jahres 2008 getötet wurde, nach New York, um dort ein neues Leben zu beginnen – und zwar, vom Autor mit der Kühnheit der Hoffnung gesegnet, just am Tag der Amtseinführung von Präsident Barack Obama.

          Salman Rushdie

          Zum amerikanischen Traum gehört zuallererst die Kreation einer neuen Identität, und während es den Vater „nach Herrscherwürde drängte“, sind die Ambitionen der Söhne literarischer und mythologischer: Sie heißen fortan Petronius (genannt Petya), Lucius Apuleius (genannt Apu), und Dionysus (genannt D Golden). So extravagant, wie diese Namen wirken, verhalten sich dann auch ihre Träger: Petya, ein autistisch-genialischer Mensch und „stark trinkender Universalgelehrter“, entwickelt Computerspiele ebenso wie einen Hang zu ausschweifenden Partys; Apu wird Maler und bildender Künstler, der „wie ein junger Whitman“ die amerikanische Kultur umarmt: „die Underground-Szene, die Clubs, die Kraftwerke, die Gefängnisse, die Subkultur, die Katastrophen“; und für D Golden wird das Lebensthema seine eigene Gender-Identität, die immer stärker in Frage steht. Der Vater indessen vergnügt sich mit einer Frau im Alter seiner Söhne und macht sie mit Geld zu einer Göttin. Im Hintergrund steht dabei oft die Frage, ob alle diese Figuren nur ihre angeborene Identität ausleben oder ob vielmehr das verrückte Amerika diese erst hervorbringt. So, wie allerdings die Euphorie über die Wahl Obamas bald verflogen ist, enden auch die Höhenflüge der Goldens mit furchtbaren Abstürzen und schrecklichen Schicksalen.

          Warum aber nun der Schleiertanz der Erzählformen? Der Witz an Rushdies Roman ist, dass er einen „Dichtererzähler“ einsetzt, der einerseits Teil des Geschehens ist – eben der Nachbar der Familie Golden im New Yorker Greenwich Village, der das von ihm Beschriebene als Erlebtes verbürgt – und andererseits auch eine Art Zauberkünstler, der die Geschichte erst vor den Augen der Leser entstehen lässt.

          Die „goldene Geschichte“

          Dieser Erzähler ist mit allen literarischen Wassern gewaschen und darüber hinaus ein Liebhaber des Kinos, was er in so manchem filmhistorischen Exkurs auch heraushängen lässt, ja, er sieht und erlebt die Geschichte der Goldens oft nur vermittelt durch Filmszenen, seien es solche aus „Der Pate“ oder solche aus der Horror-Quatschserie „The Addams Family“. Der Name dieses Erzählers scheint auch nur eine Fiktion zu sein („Nennt mich René“, sagt er einmal in Anspielung auf „Moby-Dick“) – und der Verweis auf diesen urmodernen amerikanischen Roman ist doppelt interessant, weil auch schon Melville seinerzeit darin spielerisch verschiedene Erzählformen, auch szenische, ausprobierte.

          Salman Rushdie: „Golden House“

          Über den Thriller und das Märchen findet Rushdies Erzähler seine Idealform schließlich im Genre der mockumentary, also einer fiktionalen Dokumentation, für das die Übersetzerin Sabine Herting hier den schönen Begriff „Spottumentarfilm“ gefunden hat. Zusammen mit dem auch im Titel alludierten Begriff der „goldenen Geschichte“ aus der Antike, also einem unglaublichen, wilden Einfall, ist dem Roman damit deutlich als Leitthema die Fiktionalität der Wirklichkeit eingeschrieben, die auch in einigen Erkenntnissätzen und Dialogen über fake news und das Zeitalter des Postfaktischen verhandelt wird. Das alles ist der amerikanischen Literatur der Postmoderne nun wahrlich nicht neu, aber Rushdie treibt hier noch einmal lustvoll auf die Spitze, was dieses postmoderne Erzählen ausmacht: Wollte man alle seine Aspekte auf einem Buchcover zusammenbringen, so müsste es unweigerlich eine große Collage sein.

          Auftritt des Jokers

          Wie Rushdie dann die Verquickung des Erzählers in die Golden-Geschichte ausspinnt (dieser zeugt nämlich mit Neros Frau ein Kind), wirkt durchaus wieder realistisch spannend. Aber leider droht der Roman an vielen anderen Stellen unter der Last der literarischen Anspielungen und des namedropping zusammenzubrechen. Keine Handlung kann offenbar geschildert werden ohne einen Verweis auf Dostojewski, Kafka, Thomas Mann, die geradezu überdeutlich instrumentierten antiken Romanautoren sowie Hunderte, teils wie manisch aufgezählte Momente der Filmgeschichte.

          Mit der Idee, auf der völlig überfüllten Welttheaterbühne dieses Romans dann auch noch Donald Trump auftreten zu lassen, als groteske Figur des grünhaarigen „Jokers“ aus den Batman-Comics, hat Rushdie sich keinen Gefallen getan. Sie wird dazu führen, dass er nun monatelang Interviews nur über Trump geben muss, die wenig Neues bringen, während die anderen Aspekte seines Romans in den Hintergrund treten. Und das sind wahrlich einige.

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